Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte von Goethe, Trakl, Heine, Kant, N
"Lesung" - ein Podcast in dem Klassikerausschnitte, alte philosophische Werke und Gedichte u.a. von Goethe, Trakl, Heine, Kant, Nietzsche und Lessing von Elisa Theusner gelesen werden. "Das Wort sei die Macht in deinem Ohr, dein Gefühl zu akzeptieren und neu zu erleben."
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(49) Heinrich Heine "Die Heil'gen Drei Könige"
20.12.2011 17:47
Die Heil'gen Drei Könige aus Morgenland,
Sie frugen in jedem Städtchen:
"Wo geht der Weg nach Bethlehem,
Ihr lieben Buben und Mädchen?"
Die Jungen und Alten, sie wußten es nicht,
Die Könige zogen weiter;
Sie folgten einem goldenen Stern,
Der leuchtete lieblich und heiter.
Der Stern blieb stehn über Josephs Haus,
Da sind sie hineingegangen;
Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,
Die Heil'gen Drei Könige sangen.
Bild: Dreikönigsbild des Meisters von Meßkirch, um 1538
Musik: Ulrike Theusner
(48) Sigmund Freud "Vergänglichkeit"
07.12.2010 21:59
Vor einiger Zeit machte ich in Gesellschaft eines schweigsamen Freundes und eines jungen, bereits rühmlich bekannten Dichters einen Spaziergang durch eine blühende Sommerlandschaft. Der Dichter bewunderte die Schönheit der Natur um uns, aber ohne sich ihrer zu erfreuen. Ihn störte der Gedanke, daß all diese Schönheit dem Vergehen geweiht war, daß sie im Winter dahingeschwunden sein werde, aber ebenso jede menschliche Schönheit und alles Schöne und Edle, was Menschen geschaffen haben und schaffen könnten. Alles, was er sonst geliebt und bewundert hätte, schien ihm entwertet durch das Schicksal der Vergänglichkeit, zu dem es bestimmt war.
Wir wissen, daß von solcher Versenkung in die Hinfälligkeit alles Schönen und Vollkommenen zwei verschiedene seelische Regungen ausgehen können. Die eine führt zu dem schmerzlichen Weltüberdruß des jungen Dichters, die andere zur [..]
(47) Ludwig van Beethoven "Das Heiligenstädter Testament"
18.04.2010 22:57
Empfehlt euren Kindern Tugend,
sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld
-
O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig,
störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret,
wie unrecht tut ihr mir;
ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem,
was euch so scheinet;
mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens,
selbst große Handlungen zu verrichten,
dazu war ich immer aufgelegt,
aber bedenket nur,
daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen,
durch unvernünftige Ärzte verschlimmert,
von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden,
betrogen,
endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels
(dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist) gezwungen,
mit einem feuerigen, lebhaften Temperamente geboren,
selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft,
mußte ich früh mich [..]
(46) Henrik Ibsen "Peer Gynt - Solveigs Lied" (Edvard Grieg)
15.01.2010 22:45
Kanskje vil det gå både Vinter og Vår,
Vielleicht werden Winter und Frühjahr vergehen,
både Vinter og Vår,
og neste Sommer med, og det hele År
und der nächste Sommer gleich mit, und auch das ganze Jahr,
og det hele År
und auch das ganze Jahr,
men engang vil du komme, det vet jeg visst,
aber einmal wirst du kommen, das weiß ich gewiß,
det ved jeg vist,
das weiß ich gewiß,
og jeg skal nok vente, for det lovte jeg sist,
und ich werde auf dich warten, denn das versprach ich zuletzt,
det lovte jeg sidst.
Gud styrke deg, hvor du i Verden går
Gott stärke dich, wo du auch bist in der Welt,
i Verden går,
wo du auch bist in der Welt,
Gud glæde dig, hvis du for hans fotskammel står,
Gott soll dir Freude bringen, wenn du vor seinen Thron trittst,
for hans Fodskammel står.
Her skal jeg vente til du kommer igjen,
hier werde ich auf dich warten, bis du wieder kommst,
du kommer [..]
(45) Kurt Tucholsky "Kreuzworträtsel"
29.10.2009 23:08
Kreuzworträtsel mit Gewalt
Der Arzt versank in meinem Bauch.
Dann richtete er sich hochaufatmend wieder auf.
»Es sind die Nerven, Herr Panter«, sagte er.
»An den Organen ist nichts.
Ruhe – Ausspannen – Massage – Rohkost – Gemüse – Gymnastik – kohlensaure Bäder ... passen Sie auf: wir kriegen Sie schon wieder hoch.
Schwester –!«
Da saß ich in dem Klapskasten, und nun war es zu spät.
(...)
Das konnte heiter werden.
Es wurde sehr heiter.
Ich absolvierte täglich ein längeres Zirkusprogramm,
von morgens um sieben bis mittags um halb eins.
Der Turnlehrer; die Wiegeschwester; der Bademeister; der Masseur; der Assistenzarzt; die Zimmerschwester ... sie alle waren emsig um mich bemüht.
Ich kam mir recht krank vor, und wenn ich mir krank vorkam, dann schnauzten sie mich an, was mir wohl einfiele – es ginge mir schon viel, viel besser.
Was war da zu [..]
(44) Johann Wolfgang von Goethe "Wilhelm Meisters Lehrjahre"
03.07.2009 17:48
Achtzehntes Kapitel
Er war,
man darf sagen,
auf dem Theater geboren und gesäugt. (...)
Leider mußte er den Beifall,
den er an glänzenden Abenden erhielt,
in den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen.
Sein Vater, überzeugt,
daß nur durch Schläge
die Aufmerksamkeit der Kinder erregt
und festgehalten werden könne,
prügelte ihn beim Einstudieren
einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten;
nicht, weil das Kind ungeschickt war,
sondern damit es sich desto gewisser
und anhaltender geschickt zeigen möge.
(...) Er wuchs heran
und zeigte außerordentliche Fähigkeiten
des Geistes
und Fertigkeiten des Körpers
und dabei eine große Biegsamkeit
sowohl in seiner Vorstellungsart
als in Handlungen und Gebärden.
Seine Nachahmungsgabe überstieg allen Glauben.
Schon als Knabe ahmte er Personen nach,
so daß man sie zu sehen glaubte,
ob sie ihm schon an Gestalt,
Alter [..]
(43) Friedrich Nietzsche "Menschliches, Allzumenschliches"
10.06.2009 20:55
228
Der starke, gute Charakter
Die Gebundenheit der Ansichten,
durch Gewöhnung zum Instinkt geworden,
führt zu dem, was man Charakterstärke nennt.
Wenn Jemand aus wenigen,
aber immer aus den gleichen Motiven handelt,
so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie;
stehen diese Handlungen im Einklange
mit den Grundsätzen der gebundenen Geister,
so werden sie anerkannt
und erzeugen in Dem, der sie tut,
die Empfindung des guten Gewissens.
Wenige Motive,
energisches Handeln
und gutes Gewissen machen Das aus,
was man Charakterstärke nennt.
Dem Charakterstarken fehlt die Kenntnis
der vielen Möglichkeiten und Richtungen des Handelns;
sein Intellekt ist unfrei, gebunden,
weil er ihm in einem gegebenen Falle
vielleicht nur zwei Möglichkeiten zeigt;
zwischen diesen muss er jetzt
gemäss seiner ganzen Natur mit Notwendigkeit wählen,
und er tut dies leicht und [..]
(42) Ada Christen "Wiedersehen"
15.03.2009 21:39
Ich hatt' ihn lang nicht mehr gesehen -
Und mich beinahe todt gesehnt;
Ich kam zurück zu ihm -
Und habe mich glücklich gewähnt.
Drei Stunden stand ich vor dem Thor
Im Regen pudelnaß
Und holte mir einen Schnupfen
Und Husten so zum Spaß.
In später Nacht kam er nach Haus
Und lud`mich mit Müh`nur ein;
Erzählte, er habe Kopfweh
Von schlechtem Ofnerwein.
Dann sprach er von seinem Windspiel,
Daß es kein schön'res gibt;
Und dann von einer Todten,
Die er vor Zeiten geliebt. -
Wir gingen plaudernd zu Bette
Er schlief sehr bald auch ein;
Ich aber mußte noch lange,
Sehr lange wach noch sein.
Der Mond schien still durch's Fenster,
Goß über den Schläfer sein Licht
Und sah, wie ich weinend küßte
Des blassen Mannes Gesicht.
Bild: Amedeo Modigliani
Klavier:Ulrike Theusner
function fbs_click() [..]
(41) Kurt Tucholsky "Das Ideal"
31.12.2008 18:26
Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve -
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.
Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber - das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen -
alte Weine aus schönem Pokal -
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und [..]
(40) Johann Wolfgang von Goethe "Das Göttliche"
30.11.2008 21:49
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch;
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.
Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös' und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten,
Der Mond und die Sterne.
Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen,
Vorüber eilend,
Einen um den andern.
Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.
Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles [..]
(39) Johann Wolfgang von Goethe "Heidenröslein" 1771
29.11.2008 21:14
Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Collage: Elisa Theusner
Musik:Ulrike Theusner
(38) Victor Hugo "Les Misérables" Gavroche dehors
26.10.2008 21:02
Tome V - Jean Valjean
Chapitre XV : Gavroche dehors
Zwischen dem Kugelfeuer draußen auf der Straße
erblickte plötzlich Courfeyrac jemanden unten auf den Barrikaden.
Gavroche saß unbekümmert zwischen den getöteten Nationalgardisten
und plünderte ihre Patronentaschen.
"Was machst du da?" fragte Courfeyrac.
Gavroche sah in frech an.
"Citoyen, j’emplis mon panier."
("Na ich fülle meinen Korb." )
"Siehst du nicht wie sie schiessen?"
"Eh bien, il pleut. Après ?"
("Nun, es regnet.") erwiderte Gavroche.
"Komm mir bloß rein!" rief Courfeyrac.
Gavroche kam näher
"Tout à l’heure"
("Ja gleich in einer Stunde.")
und war mit einem Satz wieder auf der Straße.
Überall lagen Tote. Vielleicht zwanzig.
Für Garvroche bedeute dass,
etwa zwanzig Patronentaschen für die Verteidigung
der Barrikade einzusammeln.
Wie dichter Nebel bedeckte der Kriegsqualm die enge Straße.
Kämpfer [..]
(37) Gustav Schwab "Jasons Ende"
23.06.2008 14:24
Sagen des klassischen Altertums
II. Buch. Die Argonautensage
Iason gelangte nicht zu dem Thron von Iolkos,
um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden,
Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtos
einen schändlichen Mord begangen hatte.
Er mußte das Königreich dem Sohn des Pelias, Akastos, überlassen
und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flüchten.
Hier lebte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar ihm zwei Söhne,
Memeros und Pheros mit Namen.
Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen,
sondern auch wegen ihres edlen Sinnes
und ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten geliebt und geehrt.
Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte,
wurde Iason von der Schönheit eines jungen Mädchens,
der Tochter des Korintherkönigs Kreon,
mit Namen Glauke, entzündet und betört.
Ohne daß seine Gattin [..]
(36) Giovanni Boccaccio "Die Urform der Ringparabel"
27.04.2008 22:32
Daß Klugheit uns retten kann,
will ich euch in einer kurzen Erzählung zeigen.
Saladin, dessen Tapferkeit so groß war,
daß sie ihn nicht nur aus einem unbedeutenden Manne
zum Sultan von Babylon machte,
sondern ihm auch zu zahlreichen Siegen
über sarazenische und christliche Könige verhalf,
hatte in verschiedenen Kriegen
und infolge seiner Prunksucht seinen ganzen Schatz verschwendet;
da er nun aber aus irgendeinem Anlaß eine große Summe Geldes brauchte
und gar nicht wußte, wo er sie in der Eile hernehmen sollte,
fiel ihm ein reicher Jude namens Melchisedek ein,
ein Geldverleiher in Alessandrien, der ihm wohl helfen konnte,
wenn er wollte;
doch war der so geizig,
daß er aus freien Stücken es wohl nicht tun würde,
und Gewalt wollte er nicht gern anwenden.
Da jedoch die Not ihn drängte, bemühte er sich,
ein Mittel zu finden, um den Juden gefügig zu machen [..]
(35) Wilhelm Busch "Die Selbstkritik"
13.02.2008 23:25
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.
Bild: Wilhelm Busch, 1860 von wikipedia.org
Sound: Elisa Theusner
(34) Wilhelm Busch "Früher, da ich unerfahren"
13.02.2008 23:19
Früher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute.
Später traf ich auf der Weide
Außer mir noch mehr Kälber,
Und nun schätz ich, sozusagen,
Erst mich selber.
Bild: Wilhelm Busch - wikipedia.org
Sound: Elisa Theusner
(33) Wilhelm Busch "Halt dein Rößlein nur im Zügel"
13.02.2008 23:17
Halt dein Rößlein nur im Zügel,
kommst ja doch nicht allzuweit.
Hinter jedem neuen Hügel
dehnt sich die Unendlichkeit.
Nenne niemand dumm und säumig,
der das Nächste recht bedenkt.
Ach, die Welt ist so geräumig,
und der Kopf ist so beschränkt.
Bild: von Wilhelm Busch - wikipedia.org
Sound: Elisa Theusner
(32) Rainer Maria Rilke "La Panthère/ Der Panther"
06.01.2008 23:24
Jardin des Plantes, Paris
Son regard du retour éternel des barreaux
s’est tellement lassé qu’il ne saisit plus rien.
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Il ne lui semble voir que barreaux par milliers
et derrière mille barreaux, plus de monde.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
La molle marche des pas flexibles et forts
qui tourne dans le cercle le plus exigu
paraît une danse de force autour d’un centre
où dort dans la torpeur un immense vouloir.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Quelquefois seulement le rideau des pupilles
sans bruit se lève. Alors une image y pénètre,
court à travers le silence tendu des membres -
Nur manchmal schiebt der [..]
(31) Wilhelm Busch "Es sitzt ein Vogel"
02.12.2007 21:47
Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
Bild von Wilhelm Busch - Wikipedia
Musik: Ulrike und Elisa Theusner
(30) mittelhochdeutsches Gedicht "Dû bist mîn"
02.12.2007 21:44
Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn;
dû bist beslozzen in mînem herzen,
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.
Musik: Elisa und Ulrike Theusner
Bild(wikimedia): Antoine Watteau
(29) Hugo Ball "1. Dada-Abend"
02.12.2007 21:38
Eröffnungs-Manifest
Zürich, 14. Juli 1916
].]]]..].]]]..]].].]]]..]].]].
Dada ist eine neue Kunstrichtung.
Das kann man daran erkennen,
daß bisher niemand etwas davon wußte
und morgen ganz Zürich davon reden wird.
Dada stammt aus dem Lexikon.
Es ist furchtbar einfach.
Im Französischen bedeutet's Steckenpferd.
Im Deutschen heißt's Addio,
steigts mir den Rücken runter.
Auf Wiedersehen ein andermal!
Im Rumänischen: »Ja wahrhaftig,
Sie haben recht, so ist's.
Jawohl, wirklich, machen wir.« Und so weiter.
Ein internationales Wort.
Nur ein Wort und das Wort als Bewegung.
Sehr leicht zu verstehen.
Es ist ganz furchtbar einfach.
Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht,
muß das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen.
Dada Psychologie, Dada Deutschland
samt Indigestionen und Nebelkrämpfen,
Dada Literatur, Dada Bourgeoisie,
und ihr, verehrteste Dichter, [..]
(28) Rosa Luxemburg "Briefe aus dem Gefängnis"
22.10.2007 01:36
An Sonia Liebknecht
Breslau, Mitte Dezember 1917
...
Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt,
auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär,
voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden,
oft mit Blutflecken ...,
die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt,
dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert.
Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln.
Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe.
Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder,
mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern,
die Schädel also unseren Schafen ähnlicher,
ganz schwarz mit großen sanften Augen.
Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ...
die Soldaten, die den Wagen führen,
erzählen, daß es sehr mühsam war,
diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer,
sie, die an die [..]
(27) Johann Wolfgang von Goethe "Willkommen und Abschied"
25.08.2007 21:47
Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich ? ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In [..]
(26) Friedrich Nietzsche - Die fröhliche Wissenschaft "268-275"
28.06.2007 19:12
- 268 -
Was macht heroisch?
Zugleich seinem höchsten Leide
und seiner höchsten Hoffnung entgegengehen.
- 269 -
Woran glaubst du?
Daran:
dass die Gewichte aller Dinge
neu bestimmt werden müssen.
- 270 -
Was sagt dein Gewissen?
"Du sollst der werden, der du bist".
- 271 -
Wo liegen deine größten Gefahren?
Im Mitleiden.
- 272 -
Was liebst du an Anderen?
Meine Hoffnungen.
- 273 -
Was nennst du schlecht?
Den, der immer beschämen will.
- 274 -
Was ist dir das Menschlichste?
Jemandem Scham ersparen.
- 275 -
Was ist das Siegel der erreichten Freiheit?
Sich nicht mehr vor sich selber schämen.
soundesign: Elisa Theusner
(25) Friedrich Schiller "Die Bürgschaft"
03.05.2007 22:15
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
»Das sollst du am Kreuze bereuen.«
»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«
Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er [..]
(24) Johann Wolfgang von Goethe "Osterspaziergang"
06.04.2007 00:35
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finstren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heut so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus [..]
(23) Johann Wolfgang von Goethe "Faust 1 - Vor dem Tor"
22.03.2007 19:01
- WAGNER -
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;
Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternächte hold und schön
Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.
- FAUST -
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg zu neuem, buntem Leben!
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein,
Und trüg er mich in fremde [..]
(22) Kurt Tucholsky "Augen in der Großstadt"
05.03.2007 21:10
Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die [..]
(21) Johann Wolfgang von Goethe "Erlkönig"
04.02.2007 18:48
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Illustriert von Frank Kirchbach
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht [..]
(20) Friedrich Nietzsche "Zarathustra" 3.Teil - Der Wanderer
22.01.2007 20:16
Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg,
gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an,
und wie viele Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.
Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger,
sagte er zu seinem Herzen,
ich liebe die Ebenen nicht,
und es scheint,
ich kann nicht lange still sitzen.
Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme
- ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen:
man erlebt endlich nur noch sich selber.
Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften;
und was könnte jetzt noch zu mir fallen,
was nicht schon mein Eigen wäre!
Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim -
mein eigen Selbst,
und was von ihm lange in der Fremde war
und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.
Und noch eins weiß ich:
ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem,
was mir am längsten aufgespart [..]
(19) Immanuel Kant "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?"
17.12.2006 20:52
Aufklärung ist
der Ausgang des Menschen
aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen,
sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit,
wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes,
sondern der Entschließung und des Mutes liegt,
sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Sapere aude!
Habe Mut
dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen,
warum ein so großer Teil der Menschen,
nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen,
dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben;
und warum es Anderen so leicht wird,
sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.
Es ist so bequem, unmündig zu sein.
Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat,
einen Seelsorger, der für [..]
(18) Gotthold Ephraim Lessing "Die Geschichte des alten Wolfs"
18.11.2006 22:16
1.
Der böse Wolf war zu Jahren gekommen
und faßte den gleißenden Entschluß,
mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben.
Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer,
dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren.
"Schäfer", sprach er,
"du nennest mich den blutgierigsten Räuber,
der ich doch wirklich nicht bin.
Freilich muß ich mich an deine Schafe halten,
wenn mich hungert; denn Hunger tut weh.
Schütze mich nur vor dem Hunger;
mache mich nur satt,
und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein.
Denn ich bin wirklich das zahmste,
sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin."
"Wenn du satt bist? Das kann wohl sein",
versetzte der Schäfer.
"Aber wann bist du denn satt?
Du und der Geiz werden es nie.
Geh deinen Weg!"
2.
Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer.
"Du weißt, Schäfer", war seine Anrede,
"daß ich dir das Jahr durch manches [..]
(17) Henrik Ibsen - Auzug aus "Peer Gynt"
11.11.2006 00:03
--ERSTER AKT--
SOLVEJG
(in der Tür.)
Wolltest nicht Du mit mir tanzen vorhinnen?
PEER GYNT.
Jawohl wollt' ich das; kannst Dich nimmer besinnen?
(Faßt sie bei der Hand.)
Komm!
SOLVEJG.
Doch, sagt Mutter, nicht lang! Nicht wahr?
PEER GYNT.
Sagt Mutter? Bist Du vom vorigen Jahr?
SOLVEJG.
Du machst Dich lustig -!
PEER GYNT.
Du bist doch aufs Haar
Schon erwachsen?
SOLVEJG.
Im Mai war ich am Altar.
PEER GYNT.
Wie heißt Du denn, - daß wir bekannter werden?
SOLVEJG.
Ich heiße Solvejg. - Und wie heißt Du?
PEER GYNT.
Peer Gynt.
PEER GYNT
(Faßt sie ums Handgelenk.)
Jetzt will ich drehn Dich, was Mutter auch schilt.
SOLVEJG.
Laß mich!
PEER GYNT.
Warum denn?
SOLVEJG.
Du bist so wild.
PEER GYNT.
Auch der Renbock ist wild, wenn der Sommer nah ist.
Komm und sei nicht so halsstarrig, Kind!
SOLVEJG [..]
(16) Friedrich Nietzsche "Abschied"
10.11.2006 23:35
Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n ?
Wohl dem, der jetzt noch ? Heimat hat!
Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt ? entflohn?
Die Welt ? ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Landschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! ?
Versteck' du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n ?
Weh dem, der keine Heimat hat!
Musik: Elisa Theusner
(15) Johann Wolfgang von Goethe "Faust 1- Marthens Garten"
18.10.2006 20:17
MARGARETE:
Versprich mir, Heinrich!
FAUST:
Was ich kann!
MARGARETE:
Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
FAUST:
Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ' ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
MARGARETE:
Das ist nicht recht, man muß dran glauben.
FAUST:
Muß man?
MARGARETE:
Ach! wenn ich etwas auf dich konnte!
Du ehrst auch nicht die heil'gen Sakramente.
FAUST:
Ich ehre sie.
MARGARETE:
Doch ohne Verlangen.
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
Glaubst du an Gott?
FAUST:
Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Über den Frager zu sein.
MARGARETE:
So glaubst du nicht?
FAUST:
Mißhör mich nicht, du holdes [..]
(14) Friedrich Nietzsche "Zarathustra" 1.Teil Nr.2
26.09.2006 23:59
''Ja, ich erkenne Zarathustra.
Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel.
Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra,
ein Erwachter ist Zarathustra:
was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit,
und das Meer trug dich.
Wehe, du willst an's Land steigen?
Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?''
Zarathustra antwortete: ''Ich liebe die Menschen.''
''Warum'', sagte der Heilige,
''ging ich doch in den Wald und die Einöde?
War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht.
Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache.
Liebe zum Menschen würde mich umbringen.''
Zarathustra antwortete:
''Was sprach ich von Liebe!
Ich bringe den Menschen ein Geschenk.''
''Gib ihnen Nichts'', sagte der Heilige.
''Nimm [..]
(13) Georg Trakl "Die Raben"
10.09.2006 21:02
Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.
O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt,
Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hören
Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.
Klavier: Elisa Theusner
(12) Georg Trakl "Gesang zur Nacht"
10.09.2006 20:57
1
Vom Schatten eines Hauchs geboren
Wir wandeln in Verlassenheit
Und sind im Ewigen verloren,
Gleich Opfern unwissend, wozu sie geweiht.
Gleich Bettlern ist uns nichts zu eigen,
Uns Toren am verschloßnen Tor.
Wie Blinde lauschen wir ins Schweigen,
In dem sich unser Flüstern verlor.
Wir sind die Wandrer ohne Ziele,
Die Wolken, die der Wind verweht,
Die Blumen, zitternd in Todeskühle,
Die warten, bis man sie niedermäht.
2
Daß sich die letzte Qual an mir erfülle,
Ich wehr' euch nicht, ihr feindlich dunklen Mächte.
Ihr seid die Straße hin zur großen Stille,
Darauf wir schreiten in die kühlsten Nächte.
Es macht mich euer Atem lauter brennen,
Geduld! Der Stern verglüht, die Träume gleiten
In jene Reiche, die sich uns nicht nennen,
Und die wir traumlos dürfen nur beschreiten.
3
Du dunkle Nacht, du dunkles Herz,
Wer spiegelt eure heiligsten Gründe,
Und eurer Bosheit [..]
(11) Johann Wolfang Goethe "Faust 1 - Prolog im Himmel"
20.08.2006 10:41
MEPHISTOPHELES:
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
Wie eine der langbeinigen Zikaden,
Die immer fliegt und fliegend springt
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen [..]
(10) Jubiläumsausgabe - Axel Wandtke spricht von Goethe - "An den Mond" und "Prometheus"
20.08.2006 10:26
Goethe - An den Mond
Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz.
Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.
Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud' und Schmerz
In der Einsamkeit.
Fliesse, fliesse, lieber Fluss!
Nimmer werd' ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuss,
Und die Treue so.
Ich besass es doch einmal,
Was so kostlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!
Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu,
Wenn du in der Winternacht
Wütend ueberschwillst,
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschliesst,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem geniesst.
Was, von Menschen nicht [..]
(09) Johann Wolfgang Goethe "Der Zauberlehrling"
19.08.2006 17:56
Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder!
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll [..]
(08) Friedrich Nietzsche "Die fröhliche Wissenschaft 276"
25.07.2006 18:57
Noch lebe ich, noch denke ich:
ich muss noch leben, denn ich muss noch denken.
Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum.
Heute erlaubt sich Jedermann
seinen Wunsch und liebsten Gedanken auszusprechen:
nun, so will auch ich sagen,
was ich mir heute von mir selber wünschte
und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief,
welcher Gedanke mir Grund,
Bürgschaft und Süßigkeit alles weiteren Lebens sein soll!
Ich will immer mehr lernen,
das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen:
so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen.
Amor fati: das sei von nun an meine Liebe!
Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen.
Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen.
Wegsehen sei meine einzige Verneinung!
Und, Alles in Allem und Großen:
ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!
(07) Heinrich Heine "Ein Jüngling liebt ein Mädchen"
10.07.2006 18:04
Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.
Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.
Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.
(06) Heinrich Heine "Weil ich dich liebe"
10.07.2006 18:03
Weil ich dich liebe, muß ich fliehend
Dein Antlitz meiden - zürne nicht.
Wie paßt dein Antlitz, schön und blühend,
Zu meinem traurigen Gesicht!
Weil ich dich liebe, wird so bläßlich,
So elend mager mein Gesicht -
Du fändest mich am Ende häßlich -
Ich will dich meiden - zürne nicht.
Bild(wikisource): Claude Monet - Waterlilies
(05) Heinrich Heine "Nicht mal einen einzgen Kuß"
10.07.2006 18:01
Nicht mal einen einzgen Kuß,
Nach so monatlangem Lieben!
Und so bin ich Allerärmster
Trocknen Mundes stehngeblieben.
Einmal kam das Glück mir nah -
Schon konnt ich den Atem spüren -
Doch es flog vorüber - ohne
Mir die Lippen zu berühren.
Bild(wikisource): Gustav Klimt - Der Kuss
(04) Heinrich Heine "Nicht lange täuschte mich das Glück"
10.07.2006 18:00
Nicht lange täuschte mich das Glück,
Das du mir zugelogen,
Dein Bild ist wie ein falscher Traum
Mir durch das Herz gezogen.
Der Morgen kam, die Sonne schien,
Der Nebel ist zerronnen;
Geendigt hatten wir schon längst,
Eh wir noch kaum begonnen.
Bild (wikisource): Claude Monet - Branch of the Seine near Giverny
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(03) Friedrich Schiller "Der Handschuh"
03.07.2006 18:53
Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.
Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.
Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behänd
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.
Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das [..]
(02) Friedrich Nietzsche "Brief an Heinrich Köselitz" und "Ecco Homo"
22.06.2006 21:35
Friedrich Nietzsche
Marienbad 1880: Brief an Heinrich Köselitz
"...Es sind die härtesten Opfer,
die mein Gang im Leben und Denken von mir verlangt hat-
noch jetzt schwankt nach einer Stunde sympathischer Unterhaltung
mit wildfremden Menschen meine ganze Philosophie,
es scheint mir so thöricht, Recht haben zu wollen
um den Preis von Liebe,
und sein Werthvollstes nicht mittheilen zu können,
um nicht die Sympathie aufzuheben."
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Friedrich Nietzsche
Ecce homo
Warum ich so weise bin.
1
..Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren:
er war zart, liebenswürdig und morbid,
wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen,..
Mitten in Martern, ... besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence
und dachte Dinge sehr kaltblütig durch,
zu denen ich in gesünderen Verhältnissen
nicht Kletterer, nicht raffiniert, nicht kalt [..]
(01) Johann Wolfgang von Goethe "Faust 2 - Milde Gegend"
14.06.2006 19:39
Elisa Theusner liest:
Der Tragödie zweiter Teil / 1. Akt
Anmutige Gegend / Faust
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
ätherische Dämmerung milde zu begrüßen;
Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon, mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben.
...
Und stufenweis herab ist es gelungen; -
Sie tritt hervor! - und, leider schon geblendet,
Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
Erfüllungspforten findet flügeloffen;
Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist's Lieb'? ist's Haß? die glühend uns [..]
über Lesung.Podspot.de...
05.06.2006 16:10
Hier ensteht im wöchentlichen Zyklus ein Podcast
in dem Gedichte, Ausschnitte bekannter Klassiker
und philosophischer Werke vorgetragen werden.
Viel Vergnügen
Juni 2006
Ihr Lieben,
nun gibt es meine Lesung seit 2 Jahren
und ich habe nicht jede Woche einen Podcast veröffentlichen können,
auch habe ich bei weitem nicht mit so einen Erfolg gerechnet...
Jeden Tag gibt es 500 bis 1000 Downloads,
in I-Tunes war der Audio-Podcast "Lesung" im August 2008
unter der Rubrik Literatur auf Platz 2.
I-Tunes-Screenshot August 2008
Aber egal wie, die Liebe zur Literatur und das spielen mit den Tönen wird nicht aufhören...
eure Elisa :)
August 2008
Mein 1. Märchenalbum der Gebrüder Grimm gibt es nun zu kaufen.
Die Originalversionen von "Rumpelstilzchen", "Rapunzel" und "Sechse kommen duch die ganze Welt" kann man nun für 84 Cent bei Amazon oder I-Tunes kaufen. Viel [..]