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Stadtpapa

Dreitagebart, Bierglas, Laptop und ein Baby. An- und Einsichten aus dem Alltag eines werdenden Vaters. Geschrieben im Süden Münchens mit Heidelberg im Herzen. Dieses Blog dient zum Austausch und Aufschreiben von Gedanken und Erlebnissen mit Kindern. Es wird keinerlei Werbung oder gesponserte Artikel geben.

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Die Kita Checkliste
22.09.2017 01:00
Vor Kurzem haben wir den Schritt gewagt. Unser Töchterchen wird in die Kindertagesstätte kommen. Erst einmal für fünf Stunden und auch erst gegen Ende des Sommers. Viel wurde zu Kitas auf Elternblogs geschrieben. Es wurden jede Menge Pro- und Contra-Listen geführt. Für meinen Geschmack ging es immer viel zu wenig um die Frage, die vor jeder Kita steht: Wie kann ich denn überhaupt eine passende Kindertagesstätte für mein Kind finden? Natürlich haben auch wir uns diese Frage gestellt. Wir haben unser Umfeld mit Fragen gelöchert. Nunja, zumindest jenen Teil, der auch Kinder hat und über Kita-Erfahrung verfügt . Herausgekommen ist ein Katalog von verschiedensten Anforderungen und Wünschen von Eltern an Krippen. Alle Punkte wird selbstverständlich keine Krippe der Welt erfüllen können. Vielmehr müssen wir Eltern uns ganz individuell mit unseren Prioritäten für die Kita für unser Kind auseinandersetzen. Die liegen zwangsläufig, je Familie und Kind, schon einmal sehr unterschiedlich. Daher sind die folgenden Punkte nur als Anregung zu sehen. Räumlichkeiten Ein sehr grundlegende Sache sind natürlich die baulichen Gegebenheiten einer Krippe. Nahezu alle modernen Kitas verfügen heute über ein eigenes Außengelände. Dennoch stellen sich auch hier einige Fragen: Können die Kinder regelmäßig in den Außenbereich der Kita? Spielen die Außenanlagen im pädagogischen Konzept eine (zentrale) Rolle? Dürfen kleine Entdecker sich draußen richtig austoben oder wird eher auf saubere Kleidung geachtet? Haben Wasserratten an heißen Tagen eine Wasserspielecke zur Verfügung? Gibt es spezielle Räume in der Einrichtung? Wenn ja, welche und wann werden sie genutzt? Personal Die Mitarbeiter sind von zentraler Bedeutung für eine Kita. Niemand möchte sein Kind in die falschen Hände geben. Und so gibt es auch zu diesem Punkt einige relevante Fragen: Wie ist der Schlüssel von Erzieherinnen und Erziehern zu Kindern? Wie sieht es mit der Stabilität der Personalsituation aus? Arbeiten die Mitarbeiter schon länger für die Einrichtung oder herrscht große Fluktuation? Zu viele Wechsel können (nicht müssen!) ein Anzeichen für schlechte Arbeitsbedingungen sein und könnten sich auch auf die Kinder auswirken. Wie ist die Mischung zwischen jungen und erfahrenen Kräften vor Ort? Leben die Mitarbeiter das pädagogische Konzept auch oder steht es ausschließlich auf dem Papier? Hier empfiehlt sich ein Gespräch mit anderen Eltern, die ihre Kinder in derselben Einrichtung haben. Wie viele Tage interner Fort- und Weiterbildung pro Mitarbeiter gibt es? Ernährung Längere Buchungszeiten sind immer auch mit einem Mittagessen verbunden. Daneben gibt es Snacks und Getränke. Wie die Kita hier tickt, kann auch ein wichtiger Punkt im Entscheidungsprozess sein. Wird in der Kita selbst gekocht oder wird angeliefert? Wie geht die Einrichtung mit Besonderheiten wie religiösen Essensverboten oder Allergien um? Wie werden Kinder auch an Obst und Gemüse herangeführt? Steht vielleicht ein Obstkorb als Snack zur Verfügung? Können (ältere) Kinder auch bei der Essenszubereitung helfen? Wird akzeptiert, wenn Kinder lieber mit Fingern statt Besteck essen möchten? Gruppen In der Regel werden die Kinder in einer Kindertagesstätte in verschiedene Gruppen eingeteilt. Wie die Einrichtung damit umgeht und welche Gruppenregeln existieren, kann ebenfalls ein gewichtiger Grund für oder gegen eine Kita sein. Ist ein Gruppenwechsel aus besonderen Gründen, wie zB anhaltende Probleme des Kindes mit einer Betreuungsperson, grundsätzlich möglich? Oder existiert ein striktes Verbot? Findet auch eine Durchmischung der Kita-Gruppen, beispielsweise im Außenbereich, statt? Wenn es einen Kindergarten gibt: Haben die Kita-Kinder auch Kontakt zu den Großen? Kindergarten Wer langfristig denkt, der möchte sicher auch ein paar Kindergarten-Fragen abklopfen. Einige erfahrene Eltern haben uns geraten, diesen Punkt unbedingt schon bei der Krippen-Wahl zu bedenken. Existieren Kindergartengruppen in der Einrichtung? Wenn ja, wie sieht es mit dem Übergang der Kita-Kids dorthin aus? Gibt es eine spezielle Förderung für Vorschüler im letzten Kindergartenjahr? Wenn ja, wie sieht diese aus? Ist ein Wechsel von Krippe in den Kindergarten ganzjährig möglich oder ausschließlich im September? Einbindung der Eltern Wer sich aktiv in die Krippe seiner Kinder einbringen will, der wird zusätzlich noch einige Fragen haben. Hier diejenigen, die uns genannt wurden. Wie kommuniziert die Kita-Leitung mit den Eltern? Werden nur Zettel ausgeteilt oder stehen auch moderne Formen wie eMail zur Verfügung? Werden wichtige Änderungen wie Personalwechsel oder Schließtage frühzeitig kommuniziert? Dürfen oder sollen Eltern gar bei Ausflügen begleitend mitfahren? Ist es möglich, dass Eltern einen Tag hospitieren? Welche konkreten Möglichkeiten haben Eltern, sich in die Kita einzubringen? Ist dies gewünscht oder wird es eher skeptisch gesehen? Welche Schließtage existieren und gibt es eine Elterninitiative um die Betreuung der Kinder auch dort sicherzustellen? Abschließende Worte Wir haben eine zu uns passende Einrichtung gefunden und sind bisher auch ganz zufrieden damit. Selbstverständlich müssen alle Eltern ihre eigenen Prioritäten legen und die zu ihrem Kind passende Kita auswählen. Auf welche Dinge habt ihr bei der Auswahl eurer Kindertagesstätte geachtet?
Der schlimmste Tag des Jahres
19.06.2017 20:43
Vor ein paar Tagen hatten wir einen richtig beschissenen Tag. Es war der mit Abstand (sic!) blödeste Tag in unserer bisherigen Elternkarriere. So doof, so abgrundtief blöd - das glaubt uns ohnehin keiner. Das Leben schreibt eben die bizarrsten Geschichten. Es passieren einfach Dinge, die sind so abgefahren, da wirken selbst die Geschichten der RTL2 Scripted-Reality-Soaps realitätsnah. Die heutige Story nenne ich einfach mal Familie Stadtpapa und das Geheimnis der Vier Großen Kah’s. Da fehlen die Details? Ja, gut: Es geht um ein Kind, eine Kreuzung, Kotze und eine Klinik. Manchmal, da hängt eben der Haussegen nicht nur schief. Manchmal, ja da versteckt er sich im Ofenrohr und heult Das Kind und die Kotze An diesem Morgen wurde das Töchterchen schon um vier Uhr wach. Ist nervig, aber handhabbar. Ich bin aufgestanden und durfte sogar in Ruhe einen Kaffee trinken. Ich hatte sogar so gute Laune, dass ich die tollste Frau der Welt mit leckeren Waffeln zum Frühstückstisch gelockt habe. Der Plan war, zum Ikea zu fahren. Möglichst früh, wie immer, um dem Ansturm der Massen zu entgehen. Wir versuchten also, direkt um 9:30 Uhr da zu sein. Wer um vier morgens aufsteht, der schafft das ja auch locker flockig ohne große Probleme Auf der Hinfahrt begann der Tag schon langsam zu kippen. Wir haben vor einigen Tagen den Maxi Cosi durch einen neuen Kindersitz für Kleinkinder ausgetauscht. Seitdem sitzt das Töchterchen aufrecht und mag das eigentlich auch recht gerne. Nicht so an jenem Tag, denn plötzlich würgte es von hinten. Jetzt sind wir ja keine absoluten Greenhorns mehr. Ein paar Komplikationen sind wir inzwischen wirklich gewohnt. Ersatzklamotten hatten wir ja dabei. Alles kein Ding. Der Ikea Besuch lief gut, das Töchterchen macht gut mit und alles war super. Selbst die Materialien für den neuen Kinderlernturm in der Küche konnten wir bequem einkaufen. Die ganze Familie hatte gute Laune. Bis zur Heimfahrt, denn da ging das Spektakel wieder los. Doch auch da dachten wir uns noch nichts dabei. Es soll ja ab und an vorkommen, dass Kindern in neuen Kindersitzen manchmal schlecht wird. Außerdem übt das Töchterchen laufen. Sie turnt fröhlich herum und ich denke mir, dass da auch der Gleichgewichtssinn gerade die ersten Instruktionen erhält. Vielleicht war Herr Gleichgewichtssinn eben heute einfach etwas sensibel. Passt schon, alles im grünen Bereich Zuhause angekommen wurde es mit dem Übergeben immer schlimmer. Nun konnte sie selbst Wasser nicht drin behalten. Langsam wurden wir unruhig. Das Töchterchen selbst war aber, abgesehen von diesen Aktionen, eigentlich recht gut drauf. Sie spielte, war fröhlich und lief mit einem Lachen im Gesicht in der Bude umher. Das beruhigte uns und wir warteten den Mittagsschlaf ab. Derweil wurde der Lernturm aufgebaut und noch ein paar Würg-Szenen wurden zum Besten gegeben. Wir nutzten den Mittagschlaf um Bodys, Bettdecken, Tücher und unsere Klamotten zu waschen. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellte. Denn kurz nach dem, von einem fröhlichen Lachen begleiteten, Aufwachen des Kindes, ging es weiter. Diesmal vollkommen ohne, dass sie etwas getrunken oder gegessen hatte. Jetzt wurde selbst ich nervös. Wir riefen also beim Gesundheitstelefon unserer Krankenkasse an. Uns wurde geraten, die Sache mal abchecken zu lassen. Vorwiegend aufgrund der aktuellen Temperaturen und des schon lange anhaltenden Zustandes der Kleinen. Also erging der Befehl zum Aufsatteln und die Reise ging los. Und die, die hatte es dann so richtig faustdick hinter den Ohren Die Kreuzung und die Klinik Wie zu erwarten ging es sofort auf dem Rücksitz wieder los. Inzwischen war auch das Lachen aus dem Gesicht des Töchterchens verschwunden. Dann passierte es. Zehn Minuten vor der Klinik mit dem Bereitschaftsarzt für den Münchner Süden. In einem Anflug von vorweihnachtlicher Stimmung schaltete das Auto alle Warnlichter auf einmal ein. Dennoch fuhr das Auto weiter. Anhalten und nachsehen würde zu lange dauern. Wir hatten ohnehin nur noch 1,5 Stunden bis der Bereitschaftsarzt schließen würde. In München sitzen Eltern gerne mal bis zu drei Stunden oder mehr in Wartezimmern solcher Notfall-Einrichtungen. Es war schon jetzt fraglich, ob wir überhaupt dran kämen. Also Zähne zusammenbeißen und einfach weiterfahren. Bremse, Gas, Licht, Blinker - alles war funktionstüchtig. Schließlich kann es schlicht nicht sein, dass alle Leuchten gleichzeitig angingen. Eine, zwei ja. Aber doch nicht alle auf einmal. Das roch schon verdächtig nach einer Falschmeldung oder etwas so Kritischem, dass einfach nichts mehr gehen dürfte. An der nächsten roten Ampel machte ich also das, was alle Techniker in solchen Situationen tun: Während das Töchterchen sich hinten lautstark übergab, schaltete ich das Auto aus. Es wurde grün und ich schaltete es wieder an. Doch nichts passierte. Kein Startgeräusch, keine zündende Zündkerze, einfach nix außer den bunten Christbaum-Leuchten im Cockpit. Das Töchterchen quittierte das mit einem neuerlichen Würgen. Wir standen am Mangfallplatz, auf der zweiten Spur der vierspurigen Straße. Eine spontane Krisensitzung der Familienältesten wurde einberufen. Die tollste Frau der Welt entschied, dass sie mit dem Töchterchen jetzt in den Bus steigen würde. Ich sollte mich ums Auto kümmern. So wurde es gemacht. Das Töchterchen übergab sich hinten noch ein letztes Mal bevor sie abgeschnallt wurde. Derweil rief ich, aus Ermangelung an Alternativen, die 110 an. Ich entschuldigte mich direkt beim Abnehmen. Der super freundliche Beamte beruhigte mich erst einmal und gab mir direkt die Nummer des ADACs weiter. «Sechs mal die Zwei. Die helfen Ihnen, machen se sich da mal keinen Kopf. Halb so wild.». Erleichtert wählte ich die 222 222 und es meldete sich tatsächlich eine Stimme. Doch die sagte mir nichts über Autos und Abschleppdienste, sondern nur, dass mein Guthaben für Premium-Nummern nicht ausreichen würde. Ja klar, ich hab hier eine Flatrate auf alle deutschen Mobilfunk- und Festnetznummern und ein monatlich kündbares Pre-Paid Vertragsmodell. Ist einfach billiger als ein Vertrag und es gibt auch keine bösen Überraschungen auf Rechnungen. Blöd nur, wenn der ADAC eben nur über eine kostenpflichtige Premium-Nummer erreichbar ist Gott sei Dank fuhr neben mir in dem Augenblick eine Polizei-Streife vor. Die rote Ampel hatte Erbarmen mit mir armen Papa und veranlasste die beiden Polizisten direkt neben mir zu halten. Durchs offene Fenster erklärte ich den Beamten mein Problem. Kein Ding. Wir drehen da vorne rum, dann stellen wir uns hinter Sie und bringen sie erst einmal von der Straße rief der echt freundliche Polizist mir zu. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Endlich würde alles gut werden. Ich drehte noch einmal den Schlüssel. Es tat sich nichts. Der Beamte vor mir hielt einen Daumen in die Luft. Dankbar wie ich war, tat ich dasselbe. Dann hörte ich nur noch ein entferntes «Geht’er wieder? Super! Dann wünsch ich Ihnen was». Sekunden später fuhren die Polizisten davon. Ein verdutzter Papa aber saß weiterhin auf der zweiten Spur in seinem Wagen mit dem Warnblinker. Ich wollte doch nur Danke sagen und nicht damit andeuten, dass mein Problem gelöst wäre. Verdammt, wie doof war das denn jetzt bitte von mir?! Kommando zurück Also alles auf Anfang. Nachdenken. Beim Notruf konnte ich wegen dieses Mists nicht nochmal anrufen. War peinlich genug, dass ich da überhaupt angerufen hatte. Gibt wahrlich wichtigeres, um was sich die Leute dort kümmern müssen. Also schnell die Nummer der lokalen Polizei-Station gegoogelt und angerufen. «Den ADAC können wir nicht für Sie rufen. Dürfen wir einfach nicht. Einen Wagen kann ich auch erst zu Ihnen schicken, wenn sie eine Behinderung des Verkehrs darstellen. Am Besten wäre, wenn Sie den Gang rausnehmen und das Auto auf die linke Spur schieben.» Okay, Gang raus und schieben. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielt ein Auto und ein junger Kerl kam mir zu Hilfe. Einfach so. Zu Zweit ging es super flott und in wenigen Minuten war der Wagen am linken Straßenrand. Bin dem Guten sehr, sehr dankbar. Leider verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Falls du das hier liest: Du hast einen Kasten Bier bei mir gut - melde dich! Jetzt telefonierte ich mein Adressbuch ab. Überall klingelte es, aber niemand nahm ab. Niemand, außer ausgerechnet jener Freund, der gerade Zwillingspapa geworden war. Im Hintergrund hörte ich die beiden Kleinen kreischen und verstand kaum ein Wort. Wir einigten uns darauf, dass ich erst mal weiter durchklingeln würde. Falls ich niemand fände, wäre er mein Backup und hätte den ADAC angerufen. Ich muss auch vollkommen durch den Wind geklungen haben: Auto auf Kreuzung, Töchterchen und Frau auf’m Weg ins Krankenhaus, ADAC nicht erreichbar Während ich weiter telefonierte, schickte er mir die Auslandsnummer des ADAC: +49 (0)89 222 222. Damit kam ich wunderbar durch, denn 089 ist die Vorwahl von München und damit eine Festnetznummer. Nachdem ich dem Automat auf die Frage In welchem Land haben Sie Probleme mit Deutschland geantwortet hatte, wurde ich sofort durchgestellt. Bei meiner Antwort Ich habe keine auf die Frage des ADAC Mitarbeiters nach meiner Mitgliedsnummer, wurde die Verbindung plötzlich unterbrochen. Ich war kurz davor einfach auszusteigen, mir die Kleider vom Leib zu reißen und irre lachend mitten auf der Straße herumzurennen. Ich konnte mich noch ein letztes Mal beherrschen und rief abermals an. Diesmal klappte es und ein gelber Engel wurde losgeschickt um mich zu retten. Auf den ADAC wartend legte ich entnervt zum hundertsten Mal den Schlüssel um. Und auf einmal sprang der verdammte Wagen an. Vergessen waren die Warnleuchten. Alles schnurrte wie immer. Bevor der Wahnsinn mich endgültig übermannte, lenkte ich den Wagen von der Straße auf einen nahen Parkplatz. Selbst der ADAC fand keine Probleme, sondern nur einige seltsame Meldungen vom CAN-Bus. Über dieses Ding kommunizieren die Geräte in einem Fahrzeug miteinander. Musste im Studium selbst darauf programmieren. Das Ende vom Lied war eine Familienmitgliedschaft beim ADAC, ein unbekanntes Softwareproblem im Auto und ein vollkommen fertiger Papa. Immerhin gab der Bereitschaftsarzt Entwarnung und konnte keine Anzeichen von Austrocknung feststellen. Und eine Geschichte, die ich noch meinen Enkeln erzählen kann, die gab’s obendrauf. Ist ja auch was. Jetzt haben wir garantiert den schlimmsten Tag des Jahres schon hinter uns. Kann also nur noch aufwärts gehen
Der Stadtpapa auf der denkst17
12.06.2017 01:00
Das war sie also, meine erste Bloggerkonferenz. Sogar noch um die Ecke im schönen Nürnberg. Spannende Sache, muss ich schon sagen. Es tut auch wirklich verdammt gut Gleichgesinnte zu treffen. Gemeinschaftsgefühl und so. Wer hätte gedacht, dass Dani von gluckeundso eine derartig sympathische Stimme hat? Oder, dass ich mir neben Stephan von DaddyDahoam wie ein Zwerg vorkomme? Und was eine coole Socke ist der Bodehase denn bitte? Wahnsinn, mit dem muss ich dringend ein Bier trinken gehen. Der Gute kannte sogar das Kaff in dem ich meine Kindheit verbracht hatte. Richtig sympathisch fand ich auch die Misha von Mutter & Söhnchen mit ihren Tattoos. Aber ausgelacht haben sie mich alle. Alles nur, weil ich sagte: Ja, also wir haben jetzt ja die schwerste Zeit um. Die Kleine is ja jetzt schon ein Jahr alt!. Pfff, was wissen die alle schon War wirklich schön, euch alle zu treffen und mal Gesichter hinter den Fotos von Kürbnislaternen Blogs zu sehen. Dankeschön für die netten Gespräche und die herzliche Aufnahme in die Elternblogger Community! Odd Man Out Es gab aber auch spürbare Unterschiede auf der #denkst17. Unterschiede zwischen mir und anderen Bloggern. Jetzt nicht konkret zwischen der illustren Kaffee- und Eistee-Runde, die ich oben aufgezählt habe. Nein, nein - eher so allgemein gesprochen. Denn was mich tatsächlich von anderen Bloggern unterscheidet ist meine Einstellung. Ich träume nämlich ganz und gar nicht davon, mit (m)einem Blog tatsächlich meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Schon gar nicht davon, damit unsere kleine Familie zu ernähren. Meine Marke ist ein Mittel zum Zweck. Ein Ding, dass den Menschen dahinter versteckt. Ein ganz bewusst gewähltes Zerrbild von mir. Die Namen meiner Frau und meiner Tochter tauchen hier nicht auf. Auf diesem, meinem Papablog wird auch nie ein Bild des Gesichtes meiner Tochter, ihrer Mutter oder mir zu sehen sein. Und da verpasst ihr alle wirklich was. Wir haben hier nämlich die knuffigste und wunderschönste Tochter der Welt Der Stadtpapa existiert, um mir die Unabhängigkeit zu bewahren. Ich möchte autonom sein. Autonom in meiner Themenwahl. Autonom in dem was ich ganz konkret schreibe. Und ganz besonders autonom vom Stadtpapa selbst. Der Kerl, der ich bin, den sonst alle kennen, soll hinter diesem Papablog verborgen bleiben. Das gelingt mir, indem ich eine Ebene zwischen mich, den Menschen und diesem Projekt einschiebe. Ich glaube, dass ich eine Lüge aufrecht erhalten müsste, wenn ich den Stadtpapa auf kommerziellen Erfolg ausrichten würde. Authentisch ist der Stadtpapa eben nur in dem Maße, in dem ich ihm Authentizität zugestehe. Denn die Wahrheit ist: Ich bin tatsächlich nicht bereit, total authentisch über mein Leben zu berichten. Wenn ich Menschen mag, dann gebe ich diese Berichte bereitwillig im persönlichen Gespräch. Aus freien Stücken. Ohne irgendwelche Skalen wie Reichweite, potenzielle Aufträge oder Like-Zahlen im Kopf. Einfach so. Ganz ungezwungen. So möchte ich das haben. Und ich bin nicht bereit, irgendwie von diesem, meinem Wert, abzurücken. Ich schreibe über Themen, die ich mag. Das sind auch mal totale Außenseiter-Themen ohne jegliche Reichweite in der Elternblog-Szene. Die Rubrik Kino Parentopolis ist das beste Beispiel dafür. Den Kram liest kaum ein Mensch. Lustigerweise erreichen damit aber viele Leute meinen Blog durch Suchmaschinen. Die lesen den Eingangsartikel kaum, klicken sich dann aber über die Startseite zu anderen Artikeln durch. Auf denen sie dann auch mal länger hängen Kurz gesagt, der Wunsch nach den five minutes of fame ist nicht sonderlich groß bei mir. Der Traumjob Blogger schwebt bei mir nicht irgendwo über’m Horizont - Großes Indianer-Ehrenwort. Ist echt so. Nach meinem Empfinden gehöre ich damit eher zur Minderheit. Ja, fast schon zu den Exoten. Zumindest vermittelten mir das die großen Talks auf der #denkst. Es ging da immer nur um Reichweite, Kooperationen und Google Analytics. Themen, die mich zwar auch interessieren. Aber eben aus einer ganz anderen Warte heraus. Bloggen um des Bloggens Willen Jetzt habe ich aber ein ganz bestimmtes Fach studiert. Nicht einfach so, sondern schlicht aus einem Grund: Ich bin neugierig. Ich möchte wissen, wie technische Dinge funktionieren. Bei mir kommt da noch der verkappte Sozialpädagoge und Hobby-Philosoph dazu. Technisch weiß ich wie der Kram funktioniert. Ich möchte wissen, wie es ist, professionell zu bloggen. Nur eben nicht mit dem Traum, da jemals irgendwie größeres Kapital herauszuschlagen. Ich möchte wirklich nur einfach verstehen, wie das mit den neuen Medien so tickt. Wie das mit der Technik, meiner Leidenschaft, zusammenhängt. Dazu schiele ich natürlich auf die Zugriffszahlen. Es ist im Prinzip derselbe Grund, warum sich Leute in ihrer Freizeit hinsetzen und Wordpress entwickeln. Schlichtweg, weil es für sie eine technische Herausforderung ist und sie gleichzeitig für Social Media brennen. Bei Zeiten kann ich ja mal die technische Basis dieses Blogs hier posten. Der Stadtpapa ist nämlich nicht nur optisch ein anderes Blog, sondern auch unter der Haube. Ganz stilecht mit automatisiertem git Deployment, statischer Content-Generierung und vollkommen übertriebenen Sicherheitsfeatures. Habe ich schon erwähnt, dass ich oft viel zu lange vor dem Computer sitze?! Was mich in all diesem Bloggerkram dann inhaltlich unterscheidet ist, so glaube ich, eher auf der moralischen Seite zu suchen. Es gibt für den Stadtpapa eine harte Grenze. Und die fängt bei den Inhalten an. Sobald ich meine Inhalte nicht nur optimiere, sondern gezielt auf Zielgruppen ausrichte, fühle ich mich seltsam. Ich fürchte, die Wahrheit ist: Ich schreibe den Blog aus ganz egoistischen Motiven heraus. Es geht mir darum, Blogs zu verstehen, klar. Aber auch darum einfach Dinge festzuhalten, die ich festhaltenswert finde. In aller erste Linie tatsächlich auch für mich. Es ist aber mehr, denn es geht mir schon auch um Austausch. Ich forme meine Meinung gerne durch Reibung. Vielleicht typisch männlich. Keine Ahnung. Sollen sich bitte die Tiefenpsychologen drüber streiten. Natürlich gibt es da auch einfach jene Blogs, mit denen ich total auf einer Wellenlänge liege. Die finde ich einfach cool und lese sie deswegen gerne Total gerne nehme ich auch unpopuläre Positionen aus Reflex ein. Einfach, um sie zu hinterfragen. Ich möchte Austausch und Meinungsvielfalt. Es ist nicht gelogen, wenn ich sage: Die Hälfte aller Aussagen in Blog-Beiträgen, die ich so lese, sehe ich anders. Manchmal sogar ganz grundsätzlich anders. Und genau das ist der Grund, warum ich diese Blogs so gerne lese. Manchmal erweitern sie mein Weltbild ein bisschen. So kann ich meine Meinung dagegen halten und sagen: «Nee, also das sehe ich noch immer anders, weil …» oder aber eben «Mist, da könnte was dran sein.». Manchmal kommentiere ich und manchmal habe ich keine Lust auf Debatten. Wie mir eben gerade der Sinn so steht. Aber wenn ich kommentiere, dann nicht, weil ich einen Link auf mein kleines Papablog dalassen möchte, sondern weil ich Stellung beziehen möchte. Fun-Fact dazu: Die meisten Aufrufe hatte ich mit einem Rant in den Kommentaren auf dasnuf.de. Da ging es von zwei-stelligen Besucherzahlen gefährlich nahe an eine vier-stellige Anzahl - an nur einem Tag. Dennoch schrieb ich danach nicht mehr über dieses Thema. Einfach weil ich dazu gerade eben nichts zu sagen habe. Mit der Zugriffszahlen-Brille auf ein absoluter Kardinalsfehler. Ich find’s trotzdem toll so. So macht mir dieser Blogkram hier Spaß. Daneben finde ich es immer sehr bedenklich, nur auf Zielgruppen zu starren. Es geht ja darum, auch langfristig Spaß zu haben. Nur weil mich hauptsächlich 44-Jährige Mädels besuchen, heißt das ja nicht, dass ich jetzt extra für die schreiben muss. Die Frage «Will ich eigentlich für diese Gruppe schreiben?» wurde auf der #denkst leider gar nicht beleuchtet. Schade eigentlich, denn das ist doch auch eine wunderbare Chance. Eigentlich sollte das doch gefühlt vor jeder anderen Frage stehen. Dieser beobachtende Blick wurde aber leider nie aufgegriffen. Ich für meinen Teil empfinde es als sehr entlastend, kein Google Analytics zu haben. So fällt es mir leichter meinen eigenen Stil zu finden - ganz ohne Zielgruppen im Kopf. Anpacken und loslegen Trotz dieses Hintergrunds haben mich einige Talks der #denkst17 dann doch beeinflusst. Ich möchte eigentlich mehr bloggen als ich es gerade mache. Verdammt nochmal, diesen Artikel habe ich schon vor über sechs Wochen verfasst und erst heute geht er online Dann habe ich jede Menge potentielle Themen in der Pipeline, weiß aber nicht, ob die gut passen. Schon irgendwie. Aber nicht so richtig. Deswegen gehe ich die selten an. Das war auch beim Feind im Kinderzimmer Artikel so. Den habe ich in einer Rohform schon Wochen vorher an eine andere Bloggerin geschickt. Einfach weil ich viel zu unsicher war ob ich das schreiben sollte. Danke an dieser Stelle mal an Frida für Mutmachen! Manchmal muss einfach losgelegt werden. Es ist richtig, dass ein Nischenthema auch durchaus spannend sein kann. Also ran an den Speck. Vielleicht sollte ich mal tatsächlich einen Redaktionsplan aufstellen um den inneren Schweinehund zu überwinden. Wäre mal ein guter Vorsatz bis zur nächsten #denkst. Ich bin jedenfalls froh den Sprung ins kalte Wasser gewagt zu haben und dabei gewesen zu sein. Es waren durchaus gute Anregungen dabei. Auch mit meinen durchaus kritischen Gedanken war ich ja auf der #denkst nicht alleine. In diesem Sinne: Danke an die Organisatoren! Nächstes Jahr komme ich gerne wieder.
Anteilseigner ziehen positive Jahresbilanz
23.04.2017 01:00
Bilanzen werden ja bekanntlich an irgendeinem wichtigen Datum gezogen. Wir haben das erste Jahr in unserem neuen Leben als Mama und Papa nahezu um. Die Anteilseigner am Projekt Töchterchen ziehen also eine kleine Bilanz. Es war nicht immer einfach in den letzten Monaten. Umzug, Finanzplanung, Papierkram, Studium und Job waren erstaunlicherweise nicht die Themen, die mich am meisten bewegt haben. Regen auf Wolke 7 Mit der Zweisamkeit war es nach den ersten Wochen zu Ende. Es wundert mich gar nicht mehr, dass besonders viele Paare sich im ersten Lebensjahr des Babys trennen. Die tollste Frau der Welt und ich haben schon einige Abenteuer hinter uns: Zehn Monate Backpacken durch drei Kontinente. Zehn Monate in denen wir ungelogen 24 Stunden am Tag zusammen waren. Zusammen auf tagelangen Fahrten in schlecht belüfteten und heillos überfüllten indischen Zügen, zusammen in der uralten Propellermaschine der bolivianischen Luftwaffe auf 8000 Metern Höhe, zusammen im Mietwagen vor einer Nashorn-Mama im Rückwärtsgang flüchtend. Was ich damit sagen möchte: Wir kennen uns. Wir kennen uns verdammt gut und haben uns in diversen, teilweise auch extremen Situationen, schon gegenseitig erlebt. Wir waren ein echt eingespieltes Team. Auch in den fünf Jahren in unserer 2-Zimmer Studentenbude in Giesing. Und dann kam unsere Tochter zur Welt. Es ist schon eine seltsame Sache. Irgendwann zwischen der Geburt und dem vierten Lebensmonat der Kleinen hat es angefangen. Wir haben immer mehr nebeneinander hergelebt. Dieses eingespielte Team-Ding verwandelte sich still und heimlich. Urplötzlich waren wir in zwei Einzelkämpfer-Jobs angekommen. Am Ende dieser Verwandlung stand schließlich ein schnöder, langweiliger Schichtplan. Wir reden ja selbst immer von der Frühschicht und der Nachtschicht, die wir übernehmen. Der Umzug von Giesing in die Münchner Messestadt hat das nochmals ziemlich eindrucksvoll verdeutlicht. Einer war einfach immer und permanent mit unserer Kleinen beschäftigt. Vollkommen egal ob es ein normaler Tag war oder eben ein Umzug anstand. Abends, ja da wäre Zeit zum durchatmen gewesen. Theoretisch eben. Praktisch schlief das wunderbarste Kind von allen nur die Hälfte der Zeit wirklich alleine. Die restliche Zeit brauchte sie eben den ständigen Körperkontakt eines Elternteils zum Schlummern. Dann gab es da auch noch die Erschöpfung. Lange Nächte und Wachstumsschübe zerrten an unseren Nerven. An mehr als nur ein paar Abenden ging einer oder sogar beide von uns früh ins Bett. Mit früh meine ich mit unserem Töchterchen. Also irgendwann so zwischen 18 und 19 Uhr. Hätte mir das jemand vorher gesagt, ich hätte es nicht geglaubt. Die ersten Monate der Elternschaft stellen eine Beziehung auf eine echte Härteprobe. Keine Angst, wir waren meilenweit davon weg, uns zu trennen. Nach all den Jahren der eingespielten Zweisamkeit und der gewohnten Freiheiten rumpelte es doch schon gewaltig in unserem Paradies. Dieses permanente Kümmern um das Baby ist richtig fies viel Arbeit. Es ist die Summe aller Stunden, die bei uns so reingehauen hat. Nach einer Woche mit wenig Schlaf kann auch schon einmal der beste Vorsatz in einer Mecker-Tirade verpuffen. Es hilft nur eines: Reden, Reden, Reden. Nicht unbedingt in der Situation selbst, sondern etwas später. Wichtig ist, dass jeder seine Freiheit bekommt und wenn es nur das eine Stündchen am Sonntagmorgen im Bett ist. Doch das zu erkennen hat bei uns in all dem Chaos etwas gedauert Papaprobleme Die schlimmsten Schübe des besten Töchterchens der Welt sind um. Ihre Zähnchen da und das Laufen wird fleißig geübt. Doch so langsam tut sich auch bei mir was. Die Kleine und ich werden, hinter dem Rücken der tollsten Frau der Welt, ein Team. Beim Abspulen des Einschlaf-Rituals hat dieses Monster-Kind es doch tatsächlich geschafft, mich zum Lachen zu bringen. Mit voller Absicht! Sie wusste genau, was sie da tat. Also war diesmal ich es, der das Ritual gesprengt hat. Dennoch schlummerte die Kleine dann kurze Zeit später in meinem Arm ein. Mit einem Lächeln. In ihrem und in meinem Gesicht. Es gibt einen Grund, warum ich nie wirklich ausführlich über Vatergefühle geschrieben habe. Die Wahrheit ist, dass ich meine Gefühle damals im Kreißsaal nicht so nennen würde. Das war kein gigantischer Moment himmlischer Dimension für mich. Plötzlich war das Baby einfach da. Alles ging so verdammt schnell. Ich glaube, ich bin einfach vor Erstaunen stehen geblieben während sich die Welt einfach weiterdrehte. Die Hebamme machte irgendwas im hinteren Eck des Zimmers. Ich stand vor meiner Tochter, die unter dem Wärmestrahler lag. Und sie schaute mich plötzlich aus diesen tiefschwarzen Augen eines Neugeborenen an. Ich legte ihr meine Hände auf und schaute einfach nur erstaunt. Sie starrte neugierig zurück und war ganz ruhig. Nach einigen Augenblick fasste ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken und wollte irgendwas tun. Eben ein Vater sein. Verlegen stammelte ich also ein paar Wörter. Ich gab dann aber nach wenigen Sätzen wieder auf. Worte konnten für mich diesen Moment ohnehin nicht greifen. Ich wusste schlicht nich, was ich mehr flüstern sollte als einen Willkommensgruß. Es gab da für mich in diesem Raum kein Erbeben. Kein Herzrasen, keinen Endorphin-Schub, keine Tränen. Stolz empfand ich dagegen schon. Auch Zuneigung zu diesem kleinen Wesen. Aber eben nicht dieses tiefe Gefühl, dieses Ding, das ich Vatergefühl nennen würde. Das bildete sich erst langsam. Heute, nach einem Jahr voller Höhen und Tiefen, würde ich sagen: Ja, ich weiß, was Vatergefühle sind und ich empfinde exakt dieses Gefühl für meine Tochter. Für mich erwächst dieses Gefühl aus den Momenten mit meiner Tochter. Aus den Momenten, in denen wir uns wegwerfen vor Lachen. Aus den Augenblicken, in denen sie zu mir robbt um einzuschlafen oder schlicht, um eine kurze Kuscheleinheit einzufordern. Anders ausgedrückt: Mein Vatergefühl speist sich aus meiner innigen Beziehung zu meiner wunderbaren Tochter. Doch zumindest bei mir musste sich diese Beziehung erst entwickeln. Trotz Bauchstreicheln, Teilnahme an nahezu allen Ultraschall-Terminen und dem Geburtsvorbereitungskurs. Vorfreude hatte ich ganz eindeutig. Die ersten Tage und Wochen empfand ich auch als schön und aufregend. Aber als Papa fühlte ich mich damals eben nie so richtig. Ich war noch immer ich - nur eben mit Kind. Heute ist das anders.
Der Feind im Kinderzimmer
23.03.2017 00:00
Um ehrlich zu sein, fühle ich mich gar nicht wohl, dieses Thema anzuschneiden. Teilweise, weil ich selbst keine Antworten parat habe. Teilweise aber auch, weil es etwas auf dieses Blog bringt, das ich gerne nicht so offen preisgeben möchte: Anhaltspunkte über meinen Beruf. Der bringt es leider mit sich, dass ich manchmal mit Dingen in Kontakt komme, die mir es eiskalt den Rücken hinunter laufen lassen. Das letzte Mal war es in den ersten Januartagen soweit. Das Video der 12-jährigen Katelyn machte die Runde. In der Regel ist es nur eine Frage der Zeit, bis solche Storys auch in meine Filter-Bubble gespült werden. Was das Video angeht, gibt es da nichts zu beschönigen. Manchmal müssen Dinge ausgesprochen werden: Das Mädchen hat ihren Selbstmord live gestreamt. Hunderte sahen zu. Danach passierte, was immer mit solchen Videos passiert. Es wurde geteilt, Millionenfach. Auf youTube hochgeladen, in Facebook geshared und über WhatsApp verschickt. Das Video wird das Internet nie wieder verlassen. Und wir reden hier nicht von irgendwelchen anonymisierten Servern im Darknet, sondern öffentlich einsehbaren Webseiten. Öffentlich einsehbar heißt aber eben auch immer eines: Suchmaschinen finden diese Dinge. Zumindest dann, wenn der Suchende sich gut genug mit dem aktuellen Internet-Slang auskennt. Dieser traurige Fall ist jedoch lange nicht der Erste. Die nicht weniger traurige Geschichte der 15 Jahre alten Amanda aus Kanada hat es schon 2012 ins kanadische Parlament geschafft. Und dann gab es da noch die gruselige Geschichte um die niederländische Mara, deren Vater ein Archiv aller Familien-Fotos mit seiner Tochter für jedermann sichtbar ins Netz geladen hatte. Leute fanden nun aber blöderweise exakt diese Familienerinnerungen. Und sie begannen damit, diese zu verbreiten. Weitere stiegen auf den Zug auf und die Sache explodierte in der Chan-Szene. Es endete damit, dass irgendwelche Verrückten bei der Schule des Mädchens auftauchten und ihr nachstellten. Links möchte ich zu diesem Fall nicht an dieser Stelle veröffentlichen. Es gab wohl mal einen Zeitungsartikel, der ist jedoch offline genommen worden. Vielleicht auf Bitten der Familie, aber ich kann darüber nur spekulieren. Alle anderen Links, die ich in meiner Recherche gefunden habe, beinhalten jedoch den vollständigen Namen des Mädchens und ihres Vaters - oder mindestens sehr konkrete Hinweise, die das Herausfinden des Familiennamens sehr einfach machen. Was ich auch gefunden habe, sind Fake-Profile des Mädchens in sozialen Netzwerken. Alles, was diese Accounts machen, ist regelmäßig Bilder des Kindes zu posten. Über tausend andere Nutzer folgen aktuell diesen Profilen. Moderne Mediennutzung im Web2.0 Die Nutzung von Medienplattformen bei Jugendlichen ist sehr dynamisch. Neue Dienste poppen auf, werden geteilt und damit plötzlich großflächig genutzt. Sie gehen viral, wie es so schön heißt. Bis wir Erwachsene das mitbekommen, dreht sich das Plattform-Karussell schon wieder weiter. Facebook & Co sind längst nicht mehr die Plattformen, die Wachstumszahlen bei Kindern und Jugendlichen vorweisen können. Das exakte Gegenteil ist der Fall. Wer findet es denn als 14-jähriger auch schon cool, auf einer Plattform zu sein, auf der auch seine Eltern sind (und womöglich mitlesen)? Gleichzeitig zeigt der Fall Katelyn aber, dass Medien immer tiefer in den Alltag der Jugendlichen und Kinder Einzug halten. Heute ist alles im Virtuellen zu finden, selbst die intimsten Dinge. Schranken sind gefallen, Tabus aufgebrochen. Und gerade weil die neuen Medien heute so exzessiv genutzt werden, ergibt sich daraus ein erhebliches Gefahrenpotenzial. Eine Gefahr, vor der wir als Eltern die Augen nicht verschließen dürfen. Wer denkt, solche Dinge passieren nicht in Deutschland oder Europa, der irrt gewaltig. Vor gut zwei Jahren bin ich fast aus den Latschen gekippt, als ich das erste mal auf youNow.com aufmerksam wurde. Menschen streamen sich dort in Video und Audio. Als Rückkanal zum Zuschauer dient ein Textchat. Außerdem können die Gefilmten Fans sammeln. Je mehr Menschen zusehen, desto höher steigt der Rang des Streamenden. Eigentlich ein lustiges Konzept. Ich kann mich erinnern, dass ein amerikanischer Kioskbesitzer sich bei der Arbeit filmte. War nichts los in seiner Bretterbude, dann redete er mit den Zuschauern. Das war tatsächlich so lustig, dass ich eine halbe Stunde bei ihm hängen blieb Auf anderen Channels waren Dinge zu sehen, die für mich definitiv nicht in die Öffentlichkeit gehören. Mädchen, um die 10 oder 11 Jahre, mit Unterhose und Shirt bei einer Übernachtungsparty. Die Zuschauerschaft war groß - über hundert Leute sahen zu, wie die Kinder hüpften und auf den Betten herumtobten. Und da wird es dann für mich eindeutig kritisch. Richtig, das sind Momente, die gehören zu einer Übernachtung bei Freunden dazu. Allerdings gehören Sie nicht ins Öffentliche, sondern in einen geschützten, privaten Raum. Das heißt für mich nicht offline, sondern eben nur nicht für jedermann einsehbar. Live - Aus dem Kinderzimmer Die beiden Mädchen waren sich gar nicht bewusst, was sie da taten. Für sie war es schlicht nicht ihm Rahmen des Vorstellbaren, dass nicht nur Gleichaltrige zusahen, die das einfach nur lustig fanden. Im Textchat waren eindeutige Forderungen einiger Zuschauer zu lesen. Selbst heise online berichtete über das Phänomen youNow. Ein Indiz, wie verdammt weit sich diese Thematik heute schon verbreitet hat. Betroffen sind nicht nur diese Streamingportale, sondern auch Computerspiele und nicht moderierte Kinderseiten. Dazu kommt, dass Startups wie youNow in der Regel keine großen Rechenzentren haben, geschweige denn viele eigene Ressourcen. Das gilt für die Technik aber eben auch für das Personal. Nahezu der gesamte IT-Betrieb ist bei solchen Firmen in der Cloud zu finden. Das brauchen sie auch, denn geht der Dienst viral, dann könnte auf konventionellem Wege die Nachfrage nicht sofort bedient werden. Gründer haben in der Regel nicht sonderlich viel Geld. Da wird gerne auf Abuse-Prozesse, Moderation und sämtliche manuell ausführbare Arbeiten verzichtet. Dazu kommen die frei für jedermann abrufbaren Inhalte. Klar, nur so machen derartige Dienste auch Sinn. Es geht ja gerade darum, benutzergenerierte Inhalte schnell und effizient zu verteilen. Passiert etwas in einem Stream, dann ist dieser schon etliche mal heruntergeladen worden. Heruntergeladen, lange bevor irgendjemand einen Missbrauch des Dienstes erkennt und diese Dateien löscht. Professionelle Sammler machen das inzwischen über anonyme VPNs. Diese sind wiederum mit der Paysafe-Card oder gewaschenen Bitcoins gekauft. Damit ist es für staatliche Behörden sehr schwer die Anonymität der Downloader auszuhebeln. Jetzt hat die Firma youNow ja aber nachgebessert in Sachen Jugendschutz. Heute werden dort Streams rund um die Uhr moderiert und abgeschaltet sobald es zu anzüglichen Szenen kommt. Das ist sehr löblich! Nur nach dem Erfolg der Idee poppen eben dutzende weitere Startups auf. Die bekanntesten Vertreter sind heute live.me und musical.ly. Die Newcomer Plattformen haben dann aber dieselben Probleme wie youNow zu Beginn. Nationale Gesetze greifen da nur teilweise, denn je nach Firmensitz gelten sie schlicht nicht. Haben Plattformen eine Moderation, kämpfen sie aber auch mit ganz anderen Problemen. Aktuell gibt es eine Speedrun-Challenge darüber, wer bei Disneys Club Pengiun am Schnellsten gebannt wird. Der Pengiun Club wird zwar bald geschlossen, aber es zeigt, dass auch moderierte Plattformen Probleme bekommen können. Sagt nochmal jemand die Internet Community wäre nicht kreativ Bravo heute: Sexting Schon vor Jahren gab es Debatten über Sexting. Nacktbilder auf Handys von Schülern sind heute eher Alltag als unüblich, wenn ich den Lehrern in meinem Umfeld und den Pädagogen in den Zeitungen zuhöre. Dabei ist die Idee, das Gegenüber nackt zu sehe, gar nicht so ein Problem, finde ich. Sofern derjenige das aus freien Stücken macht, natürlich. Sexuelle Selbstbestimmung muss schließlich auch irgendwo für Jugendliche gelten. Und Hand aufs Herz, auch wir haben doch die Bravo nur aus einem Grund damals gekauft Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass die Kids damit sogar eine Art Gegenbewegung zur durchgestylten Top-Model-Werbewelt entwerfen. Irgendwie hat es ja sogar was zutiefst Ehrliches an sich, dieses Sexting. Problematisch wird es aber dann, wenn diese intime Information aus der Hand gegeben wird. Eben genau einen Handydiebstahl oder eine tränenreiche Trennung später - da wird es kritisch und wirklich gefährlich. Verlassen diese Bilder den Empfänger oder Ersteller, landen sie meist im Internet. Bestenfalls anonym, also ohne Gesicht und somit nicht zuordenbar. Kommt dann aber noch oder gar eine Information, wie eine an der Wand hängende Urkunde des Schachclubs rot-blau Bielefeld oder ein Pullover mit dem Logo der Schule dazu, kann es sehr schnell, sehr ungemütlich werden. Es ist ein nicht ganz ungefährliches Spiel, dieses Sexting. Aber aus meiner Sicht, ist das Problem dabei eben nicht das Nacktbild selbst, sondern dessen Verbreitung gegen die Einwilligung des oder der Abgelichteten. Und die Speicherwut des Internets. Solche Dinge jemals aus dem Web zu bekommen, kommt einer Sisyphusaufgabe gleich. Wenn es überhaupt klappt, dann nur mit sehr viel Glück und einer sehr flotten Reaktionszeit Quo Vadis, Medienkompetenz? Vor diesem schwierigen Hintergrund liegt es nun auch an uns Eltern, unseren Kindern Medienkompetenz zu vermitteln. Ich bin selbst nicht ganz sicher, wo und wie ich die Grenze zwischen Zensur und Freiheit, zwischen Kontrolle und Vertrauen, ziehen soll. Aber selbst wenn ich das festgelegt habe: Wie zum Teufel kann ich das denn dann in der Praxis umsetzen? Ja, ich gestehe, selbst mir als forschender Informatiker in der IT Sicherheit bereitet das ganze Thema heftige Kopfschmerzen. Früher, ja schon im Studium, bin ich auch mit den dunklen Seiten des Webs in Kontakt gekommen. Ich hielt es immer als das Hintergrundrauschen des Internets. Fiese Typen gibt es überall. Ich konnte mich außerdem wehren, denn ich bin in der Lage technische Standards zu lesen, Quelltext zu verstehen und selbst Code zu schreiben. Mein Job ist es zu verstehen, wie das Virtuelle im Technischen realisiert wird und aktiv genau daran mitzuwerkeln. Meine Tochter kann das nicht. So wie ein Großteil der Menschen hinter den Bildschirmen. Sie wird irgendwann trotzdem online gehen. Das soll sie auch! Ich halte das Internet für eine der großartigsten Dinge, die wir Menschen zustande gebracht haben. Wahr ist aber eben auch, dass sich die Euphorie bei mir langsam wieder auf ihren Platz setzt und aufhört zu applaudieren. Ich kann meine Tochter nicht im Internet beschützen, ohne sie in ihrer digitalen Freiheit einzuschränken. Und selbst wenn ich dies täte, so gäbe es für sie doch immer noch hunderte Schlupflöcher. Jaja, das Zauberwort heißt Medienkompetenz. Aber Hand aufs Herz: Kein Sexting machen - wie realistisch ist das denn? In etwa so realistisch, wie diese Uhrzeit-Grenze aber der die Schmuddelwerbungen damals über die TV Stationen liefen. Wir 12 jährigen Pimpfe haben sie dennoch gesehen und wussten sehr wohl von ihrer Existenz. Und hier schließt sich der Kreis zum ersten Abschnitt meines Artikels: Ich habe schlicht keine Idee, was ich mehr tun kann, als über die Gefahren aufzuklären und zur Vorsicht zu mahnen. Noch ist meine Tochter weit davon entfernt diese Medien zu nutzen. Wenn es aber in ein paar Jahren soweit ist, möchte ich allerdings eine halbwegs brauchbare Antwort auf die modernen digitalen Welten aus dem Hut zaubern können. Unserer Tochter die Chancen des Internets gänzlich zu verwehren - das kommt weder für die tollste Frau der Welt noch für mich in Frage.
Babys erste Erkältung
13.02.2017 00:00
Eigentlich war es gar nichts Wildes. Es war einfach nur eine Erkältung. Unsere Welt hat es dennoch für fast eine Woche auf den Kopf gestellt. Die schlaflosen Nächte stecken uns noch immer in den Knochen. Ein erkältetes Baby ist eigentlich nicht schlimm, sondern eher Alltag. Und trotzdem hat die erste Erkältung unseres Töchterchens das Familienleben vollständig aus den Angeln gehoben. Aber ganz der Reihe nach. Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht, wie es genau angefangen hat. Ein kleiner Huster hier, ein bisschen Rotz da. Alles nichts Neues, denn etwas gekränkelt hatte das Töchterchen schon einmal. Allerdings war das genau einen einzigen Tag lang. Danach war es so schnell vorbei wie es kam. Alles super damals, kein Grund zur Panik. Diesmal ging es aber nicht so schnell weg. Sondern es wuchs. Es wuchs an, zu einer richtig derben Erkältung. Ach, was sage ich … es war keine gewöhnliche Erkältung, es war eine knallharte Männergrippe, die sich unser wunderbares Kind da zugezogen hatte Erkältung und Babys So eine Rotzenase und Husten ist für Kleinkinder nichts sonderlich heftiges. Natürlich ist es unschön und nicht toll. Aber immerhin helfen da die üblichen Hausmittel wie Zitronensaft, viel Trinken, Suppe und derartiges. In den Kitas und Kindergärten der Welt ist so eine Erkältung ja eher Alltag. Diese Brutstätten der Bakterien und Viren sind ja bekanntlich der Himmel auf Erden für jeden Virologen und Immunforscher. Bei Babys aber beutetet eine Erkältung eine heftige Einschränkung. Nicht, weil sie dieses Schlappheitsgefühl ebenso wenig zu mögen scheinen, wie wir Erwachsenen. Auch nicht, weil eine Erkältung bei Babys oft direkt in eine Mittelohrentzündung übergeht. Selbst der ständige Husten ist nicht das Hauptproblem. Es ist schlicht und einfach die banalste Sache der Welt, die unser Leben mit dem kranken Baby zu einem Drahtseilakt machte: Die verfluchte verstopfe Nase. Sobald die Nase zu war ging bei uns gar nichts mehr. Trinken war nicht angesagt - weder aus dem Fläschchen noch beim Stillen. Das Krabbeln war doppelt-anstrengend und die Kräfte ließen im Allgemeinen einfach schneller nach. Das führte zu Frust beim Töchterchen. Irgendwie war einfach alles sofort drei Nummern schwerer sobald die Nase dicht war. Selbst das Schlafen war nicht mehr so einfach wie es unser Baby gewohnt war. Noch ein Grund sich aufzuregen. Das übliche Erkältungsgefühl tat dann sein Übriges um das kleine Wesen super-sensibel und leicht reizbar zu machen. Ab diesem Punkt dröhnte statt lustigen Zombielauten ein ultralautes Geschrei aus unserer Wohnung. Sie hat noch nie in ihrem Leben so viel und so laut geschrien wie in den letzten drei Tagen (und Nächten). Unglaublich, was so eine kleine Lunge alles produzieren kann. Blöderweise wird so ein Babyschreien sehr schnell, sehr irrational und geht in einen kleinen Wutausbruch über. Dann hilft hier eigentlich nur noch Ablenken in Form von Rausgehen und Spazierengehen. Auf die Idee bin ich im Stress leider erst gar nicht gekommen. Und so hat sich unser Kind an einem Abend doch tatsächlich wütend und um sich schlagend auf meinem Arm in den Schlaf geschrien. Die tollste Frau der Welt musste aus dem Zimmer gehen, weil sie es nicht mitansehen konnte Gegenmaßnahmen Der Feind war also erkannt. Es war die Erkältung und um die zu besiegen mussten wir zu aller erst die Nase zurückerobern. Also wurde ein Schlachtplan erstellt und fiese Finten ersonnen, um den Bösewichten einzuheizen. Unsere militärischen Operationen waren wie folgt geplant: Aktenordner unter die Matratze gelegt um ihren Kopf beim Schlafen hoch zu lagern. Das sollte der Kleinen etwas den Husten nehmen, von dem sie immer und immer wieder aufwachte. Bei Babys ist die Luftröhre noch weiter hinten als bei größeren Kindern und Erwachsenen. Damit fließt oft mehr Schleim in sie statt in die Speiseröhre und das führt wiederum zu Husten. Heißes Wasser in die Badewanne laufen lassen um die Luft im Bad anzufeuchten und ihr damit das Atmen zu erleichtern. Der Schleim in der Nase sollte sich so verflüssigen und unseren ersten Sieg gegen gegen die Krankheit garantieren. Wäsche waschen und aufhängen um für eine höhere Luftfeuchtigkeit in der Wohnung zu sorgen und so die Verflüssigung des Schleims zu fördern. An diesem Abend wurden sämtliche Decken und Handtücher konfisziert und mal wieder durch die Waschmaschine gejagt. Zwiebeln ans Bett legen um von deren abschwellenden Dämpfen zu profitieren. Schließlich wollten wir die Nase auch freihalten und Zwiebeln sollen dabei wahre Wunder wirken. Engelwurzbalsam auf die Nasenflügel des Babys schmieren um so mit geballter Pflanzenpower die Nase freizumachen. Ätherische Öle oder gar Tigerbalsam sind noch eine Nummer zu hart für die Kleinsten. Also haben wir unserer Stamm-Apotheke vertraut. Als Notfallplan hatten wir Nasovin Nasentropfen extra für Babys bereitliegen. Sollte abschwellend wirken, sagte man uns. Hustensaft wollten wir nicht, denn wir fanden, dass der Schleim das eigentliche Problem war und der Husten fördert den Kram ja aus der Luftröhre hinaus. Damit ist er, so weh er auch tut, grundsätzlich förderlich. Nasensauger bereit gelegt. Über das Ding hatten wir uns noch drei Wochen vorher lustig gemacht. Wer braucht denn sowas? Is ja eklig, dem Baby so den Rotz rauszuziehen., haben wir gewitzelt. Jetzt waren wir selbst Besitzer eines solchen Teils. So schnell können sich Perspektiven ändern Mit diesen Waffen stürzten wir uns in den Kampf. Die Badewanne und die Wäsche halfen etwas. Der Rotz floss besonders im Bad in Strömen. Aber der Feind hatte erstaunlich gute Nachschubwege und immer mehr seiner Soldaten stürzten sich die Nase herab. Den Engelwurzbalsam konnten wir trotz einiger Gegenwehr des Töchterchens an den Nasenflügeln anbringen. Wirklich geholfen hat er aber erst, als wir ihn uns auf den Hals schmierten und unser Babys so beim Tragen die Kräuter einatmen konnte. Auch der Aktenordner wurde vom Töchterchen anfangs radikal zurückgewiesen. Lieber wachte sie auf als ihre gewohnte Schlafposition zu verlassen. Das war ein harter Rückschlag für unseren Schlachtplan, aber wir legten sie immer und immer wieder hin, nachdem wir sie in den Schlaf getragen hatten. Irgendwann akzeptierte sie das leicht erhöhte Kopfteil und tatsächlich hatten wir das Gefühl, dass der Ordner etwas half und sie weniger oft im Schlaf husten musste. Die richtigen Fehlschläge waren aber die Zwiebel und das Nasovin. Das Töchterchen kaute auf den rohen Zwiebelringen herum und fand es toll, das Gemüse zu erkunden. Sie, das Bett und unser gesamtes Schlafzimmer stanken danach aber wie ein schäbiger Fast-Food-Imbiss. Kurzzeitig kam uns der Gedanke, ein Schild mit der Aufschrift Sepps Jägerklause aufzuhängen. Das Töchterchen hätte servieren können. Als wir unseren letzten Trumpf, das Nasovin ausspielten, kam es zu einem bedauerlichen Kollateralschaden. Kaum war das komische Tropfteil angesetzt, entschied sich unsere Tochter mit voller Wucht hochzuziehen. Aua, das hatte gesessen und es folgte eine halbstündige Gesangseinlage unseres Babys Danach probierten wir den Nasensauger erst gar nicht mehr aus und gaben uns geschlagen. Über den Rest der Nacht legen wir daher auch den Mantel des Schweigens. Nur soviel: Es war hart. Breitschaftsarzt Nachdem wir die Nacht überstanden hatten ging es der Kleinen gefühlt nochmal eine Nummer schlechter. Da kam einfach die Müdigkeit und der fehlende Schlaf bei uns allen Dreien nochmal mit zu Tragen, denke ich. Wir wussten jetzt wirklich nicht mehr weiter und die Kleine trank auch immer seltener. Also erging das Kommando: Zusammenpacken, Aufsatteln und ab zum Kinderarzt in der Bereitschaftspraxis. Dort verbrachten wir dann den ganzen Morgen auf dem Klinikgelände mit Warten. Es gab ja tatsächlich auch weitaus schlimmere Fälle als unseren und die wurden selbstverständlich vorgezogen. Unsere Kleine schlief derweil in der Tage und erholte sich erstaunlich gut am einzigen sonnigen Tag der Woche. Als wir dann endlich im Behandlungszimmer waren, nahm uns der Arzt die Ängste. Alles super, nur eine Erkältung. Die Lunge war frei, kein Fieber und nur die Ohren waren leicht entzündet. Alles aber normal für den Zustand und total im Rahmen für Babys. Er empfahl uns exakt die Dinge, die wir oben aufgezählt haben - plus einen Hustensaft. Den wollten wir aber ohnehin nicht, daher ignorierten wir das. Gut, gut - alles halb so wild also. Tatsächlich ging es ihr an dem Abend schon wieder etwas besser. Wir konnten die folgende Nacht sogar wieder ein paar Stunden am Stück ohne Schreien schlafen. Am darauffolgenden Morgen krabbelte unser tolles Kind wieder. Es gab nur ein einziges Problem: Sie hatte seit sage und schreibe 14 Stunden nichts mehr getrunken. Jeder Versuch das zu ändern, wurde heftig zurückgewiesen. Dennoch war sie aktiv und halbwegs gut gelaunt. Also haben wir ein 24⁄7 Service-Nummer unserer Krankenkasse angerufen. Die haben dort eine eigene Nummer für Familie & Kind Themen. Problem erklärt und nach wenigen Minuten kam der Rückruf einer Kinderäztin, die mit der tollsten Frau der Welt über das Trinkproblem sprach. Es erging der Tipp, dass es noch keine Zeit sei, wieder zum Arzt zu fahren. Solange sie aktiv und ausgeglichen wirkte, sei erst einmal alles in Ordnung. Sollte unser Babys jedoch bis Nachmittags noch immer nichts getrunken haben, dann sollten wir ohne Umwege in die Klinik aufbrechen. Keine 30 Minuten später süffelte das herzallerliebste Töchterchen wie ein Weltmeister. Verstehe einer diese sturen Mädels
Liebeserklärung an Giesing
29.01.2017 00:00
Es hat uns also doch erwischt. Seit über einem Jahr ist uns klar, dass unsere 2-Zimmer Studentenbude im Münchner Arbeiterviertel Giesing irgendwann zu klein werden würde. Jetzt krabbelt unser Töchterchen fröhlich im Kreis. Wir merken, wie ihr Bewegungsradius immer größer wird. Und unserer? Der wird immer kleiner. Schon jetzt ist ein Schreibtisch nicht mehr benutzbar. Wann immer mal Zeit wäre, ihn zu nutzen, schläft das Baby in exakt demselben Raum. Also steht mein Laptop zusammengeklappt auf dem Esstisch. Die Nähmaschine der tollsten Frau der Welt steht dort ebenfalls, wenn sie in Benutzung ist. Damit bleiben uns von 4 Plätzen am Tisch gerade noch 2 zum Essen. Fernsehen meiden wir. Nicht, weil wir notorische ZDFneo, 3sat und ARTE Zuschauer sind und immer weniger mit RTL und Pro7 anfangen können, sondern weil das Ding direkt an der Wand steht. Jener Wand, hinter der nur 10 Zentimeter weiter unsere Tochter schlummert. Zumindest ich habe den Verdacht, dass die Rigipswand nur sehr mäßig abschirmt und die Kleine davon schon mehrfach aufgewacht ist. Also meide ich die Flimmerkiste seit Monaten. Wenn ich mal etwas sehe, dann am Laptop mit Kopfhörern auf Auf solchen Luxus wie Geschirrspüler haben wir jetzt fünf Jahre verzichtet. Es hat wunderbar geklappt. Wir kochen gerne und fast täglich. Inzwischen gibt es hier auch wirklich gutes Equipment in der Küche. In die Geschirrspülmaschine darf die Eisenpfanne ohnehin nicht - sonst ginge die Patina ab und wir dürften sie wieder einbrennen. Das restliche Geschirr ist nun auch nicht so üppig und in der Regel ist in 15 Minuten alles abgewaschen und die Küche sauber. Also kein Beinbruch, so ein Leben ohne Geschirrspüler. Auch an den vierten Stock ohne Aufzug haben wir uns gewöhnt. Der Kinderwagen steht unten beim Eingang und Wasserkisten schleppen wir schon lange nicht mehr. Der Soda-Stream verrichtet seinen Dienst ohne zu Murren. Das Hoch- und Runterennen ein paar Mal am Tag macht uns eigentlich auch nichts mehr aus. Wir haben uns daran gewöhnt und vermissen tatsächlich keinen Fahrstuhl. Selbst nach dem legendären Abend des letztjährigen Oktoberfestes habe ich es nach oben geschafft Wirklich weh tut uns das Fehlen eines Balkons. Und wenn ich uns schreibe, dann meine ich natürlich die tollste Frau der Welt . In der Küche steht das Fensterbrett voller Chili-Pflänzchen und wir hätten so, so gerne einen kleinen Tomatenstrauch zum Abernten. Geschweige denn endlich mal frische Kräuter, die nicht von uns in den Tiefkühler geschmissen werden. Das wäre schon was. Oder Rollläden vor den Fenstern. Boah, wie cool wären denn bitte Rollläden?! Als Badenser war mir vor meinen Jahren in München nicht bewusst, dass es Gegenden in Deutschland gibt, bei denen Rollläden nicht Standard sind. München liegt auf alle Fälle in einer solchen Gegend. Mein Giesing Und jetzt? Jetzt haben wir die Kündigung geschrieben. Und wir werden unsere so liebgewonnene Wohnung in Giesing verlassen. Dabei tut es mir wirklich und allen Ernstes wirklich weh, hier auszuziehen. Ich liebe diese beiden Zimmer, die verwinkelten Ecken und unseren Rundweg. Ja, hier geht es vom Wohnzimmer über eine kleine Abstellkammer ins Bad. Von dort gelangt man ins Schlafzimmer und kann dann direkt wieder ins Wohnzimmer tapsen. Als ich oben schrieb, dass unser Töchterchen hier fröhlich im Kreis herumtollt, dann war das tatsächlich wörtlich gemeint. Sie liebt es, Runden zu drehen. Und wir auch. Ich mag es, wie die Sonne hier morgens über die Dächer Münchens steigt und direkt in unsere Küche strahlt. Abends kommt sie dann, kurz vor dem Untergang, an den Wohnzimmerfenstern vorbei und taucht die ganze Wohnung in ein sattes Gold. Diese halbe Stunde, in der die Sonne ihren letzten Gruß an uns schickt, sind wirklich wunderschön. Schon oft haben die tollste Frau und ich mit einem Kaffee in der Hand auf dem Sofa gesessen und dieses satte, strahlende Licht genossen. Und den Wochenmarkt. Mit dem wunderbaren Käsemann, der uns jede Woche eine kleine Packung Salzbutter schenkt. Die stapeln sich schon im Kühlschrank, denn wir essen sie wirklich nur selten. Ein Metzger ist auch jede Woche in Giesing. Einen Monat vor unserer Tochter bekam die Tochter des Metzgermeisters ihr Baby. Seitdem werden zwischen Schnitzel und Hackfleisch Babythemen erörtert. Als sie schwanger war und nicht mehr als Verkäuferin tätig sein konnte, da fungierten die Kollegen als Postboten. Wir wussten was mit dem Metzger-Baby so los war und unsere Neuigkeiten wurden wiederum in die andere Richtung getragen. Ganz zu schweigen von der Eierfrau, die nach all den Jahren inzwischen weiß, dass unsere Katze auf ihrer Portion Frischfleisch besteht. Abfälle aus der Schlachtung gibt’s dort nämlich zu kaufen. Hühnerherzen, -mägen und nicht verkauftes Hühnerfleisch werden als Katzenfutter für wenig Geld abgegeben. Alle auf dem Markt kennen uns, haben die Schwangerschaft miterlebt und freuen sich nun mit uns über unsere Tochter. Ich würde nicht sagen, dass all diese Menschen nun unsere Freunde sind. Aber sie haben eben einen festen Platz in unserem Leben. Sie fragen nach, wo wir die letzte Woche waren, wie es unserer Tochter geht oder ob die Suppe mit dem Rinderknochen letztes Wochenende was geworden ist. Mit unseren Nachbarn im Haus verstehen wir uns gut. Suchen wir mal spontan Katzensitter werden wir oft fündig. Braucht ein Nachbar Hilfe beim Pflanzengießen, Briefkastenleeren oder Hochtragen packen wir mit an. Auch das Babybay und diversen Kleinkram haben wir von unseren Nachbarn bekommen. Aus ein paar Nachbarn sind inzwischen Freunde geworden. Und erst die kleinen Läden in unserem Viertel: Der Bäcker und die Pizzeria auf der anderen Straßenseite oder gar die Zimtschneckenfabrik, die eindeutig hinter ihren großen Fensterscheiben die weltbesten Zimtschnecken herstellt. Giesinger Orte Nicht nur die Menschen in unserem Viertel, auch einige Orte sind uns ans Herz gewachsen. Zum Beispiel der Friedhof am Perlacher Forst. Dort, direkt neben Stadelheim, liegen Sophie und Hans Scholl. Christoph Probsts und Alexander Schmorells Gräber sind ebenfalls an diesem Ort. Es ist der Friedhof, an dem ich mit meiner Tochter in der Trage umher spaziert bin bis sie in den Schlaf fand. Es ist der Ort, an dem Eichhörnchen sich jagen und Singvögel fröhlich um die Bäume ziehen. Dort waren die tollste Frau und ich einen Tag vor der Geburt unserer Tochter spazieren und witzelten darüber, dass das mit der Geburt sicher noch dauern würde. Im Perlacher Forst selbst waren wir auch ab und an. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es dort aussah als der Sturm durchfegte. Alle Wege waren durch entwurzelte Bäume versperrt und das Spazieren wurde zum spannenden Abenteuer. Wir rasteten auf einem der umgefallenen Bäume und schauten in den wunderbar blauen Himmel während die Sonne uns langsam brutzelte. Vor unserem Haus verläuft der mittlere Ring, eine der Hauptverkehrsadern Münchens. Es ist laut dort. Besonders im Sommer. Der Perlacher Forst hat uns geholfen, Ruhe zu finden und gerade bei schönem Wetter war es toll, ein paar Bushaltestationen entfernt so ein Kleinod zu haben. Mit der Tram ging es im Sommer immer in den Biergarten am Nockherberg. Ein paar Stationen und die Brotzeit konnte beginnen. Noch immer ein echter Geheimtipp in München, finde ich. Während in der Innenstadt die Biergärten bei schönen Wetter fast überquellen, ist am Nockherberg meist noch ein Platz zu haben. Und er ist eben auch groß genug um Kinderwägen abzustellen oder die Kleinen einfach mal herumtollen zu lassen. Es war eigentlich immer einer unserer favorisierten Treffpunkte, wenn wir nicht direkt an die Isar wollten. Seit der Geburt unserer Tochter war die tollste Frau der Welt auch vermehrt im Weißenseepark anzutreffen. Unsere Viertel-Bücherei ist an der Tela-Post zu finden und auch im Schinkenpeter haben wir einige lustige Abende verbracht. Wie oft sind wir den Berg runter, Richtung Zoo und Isar gewandert? Hochschwanger sind wir selbst vom Marienplatz noch nach Giesing gewatschelt. Ja, selbst unsere Hebamme war in Giesing zu Hause. Natürlich haben wir auch dort den Geburtsvorbereitungskurs gemacht. Wir hatten gehofft, auch irgendwann das Geschwisterchen unserer Tochter vorstellen zu können. Doch daraus wird nun leider nichts mehr. Auch den Mütterladen werden wir nicht mehr zum Sonntagsbrunch besuchen können Giesinger Mietmarkt Alles hier in Giesing ist etwas dreckiger und ruppiger als in den chicen Innenstadt-Bezirken. Ich finde, es ist etwas ehrlicher. Eben ein Arbeiterviertel. Da ist es okay, wenn die Kinderschuhe vor der Wohnungstür stehen und der Kinderwagen eben in der Nische unter der Treppe bei der Haustüre. Ein Viertel mit Charme und dessen schöne Ecken eben nicht in Hochglanz-Reiseführern stehen. Giesing ist voller Geschichte und netter Menschen. Ein wunderbarer Stadtteil zum Leben und ein geerdeter dazu. Wir haben versucht etwas in unserem so liebgewonnen Viertel zu finden. Für junge Familien wird der Platz aber immer enger. Der Norden Münchens ist größtenteils schon gentrifiziert und die Innenstadt ohnehin seit einer Ewigkeit. Auch in Giesing hält dieser Fluch aller Großstädte nun leider wohl Einzug. In direkter Nachbarschaft werden nun neue chice Häuser hochgezogen und die ersten Gebäude in unsrer unmittelbaren Umgebung sind schon modernisiert worden. Allein am Giesing Bahnhof fahren zwei S-Bahn Linien, zwei U-Bahnen, eine Tram und diverse Bus-Linien durch. Das ist natürlich attraktiv, denn wir sind sehr schnell in der Innenstadt und haben hier Direktverbindungen zu vielen zentralen Plätzen Münchens. Bemüht haben wir uns etwas hier zu finden: Zehn Minuten von hier, an der St. Martin Straße zum Beispiel. Eine 3-Zimmer Wohnung mit um die 75 Quadratmetern und einem kleinen Balkon. Warmmiete wären 1.550 Euro. Oder der Altbau am Candidplatz, einem der feinstaubbelastetsten Orte ganz Münchens, für 1.400 Euro Staffelmiete warm. Natürlich wären da dann noch Maklerkosten dazu gekommen. Angebote hatten wir schon. Auch solche, bei denen wir nur noch hätten ja sagen müssen. Bezahlen hätten wir sie aber allesamt nicht können. Das wären teilweise bis zu 40% unseres Haushaltseinkommens gewesen. Wäre auch nur die Kita dazu gekommen, hätte es zum Leben in einer der teuersten Städte Deutschlands schlicht nicht mehr gereicht. Auch in unmittelbarer Nachbarschaft hatten wir ein Angebot. Es wären allerdings nur ganze 4 Quadratmeter mehr gewesen und das für einen stolzen Mietaufschlag von 350 Euro. Und so kam es, wie es kommen musste: Wir müssen raus aus Giesing. Auf dem freien Markt können wir die Mieten für vernünftige Wohnungen kaum bezahlen und geförderter Wohnraum ist sehr knapp. Auch die neuen Wohnungen auf dem alten Agfa Gelände sind derartig teuer, dass sie für uns nicht in Frage kommen. Ohne Doppelverdiener mit sehr gut bezahlten Jobs geht dort nichts. Es heißt für uns also: Leb wohl, du liebes Giesing. Du warst uns über fünf Jahre lang ein teures Viertel. Wir haben dich lieben gelernt und du wirst der Geburtsort unserer kleinen Familie bleiben. Alles erdenklich Gutes wünschen wir dir. Lass dich von der Gentifizierung nicht unterkriegen. Behalte deine kleinen Geschäfte, die alteingesessenen Giesinger und alle die sich als Giesinger fühlen und diese kunterbunte Mischung hier ausmachen. Und bitte, bitte: Lass dir das Flair einer Arbeitersiedlung nicht nehmen. Ach ja: Und lass dich nicht als Verkehrsschlagader für die neureichen Innenstädtler nutzen - es wird dringend Zeit den mittleren Ring in einen Tunnel zu verlegen
Congress, Also Works For Kids
06.01.2017 00:00
Der Dezember war voller Termine und Dinge, die unbedingt noch erledigt werden müssen. Zeit und Muse für neue Blogartikel gab es bei mir die letzten Wochen nicht. Aber immerhin ist der erste Artikel des neuen Jahres einer, der mir wirklich etwas unter den Nägeln brennt. Ich habe nämlich, in Abwesenheit der tollsten Frau der Welt, beschlossen, dass unser Töchterchen in einigen Jahren regelmäßig mit mir verreisen wird. Ganze fünf oder sechs Tage. Und immer zwischen den Jahren. Losgehen wird es immer genau am zweiten Weihnachtsfeiertag. Jedes Jahr werden wir beide dann die Rucksäcke packen und in eine fremde Stadt aufbrechen. Abends werden wir dann, viel zu rauchige Kräuterlimonade schlürfend, durch dunkle Hallen mit vielen bunten Lichtern wandeln. Die folgenden Tage werden wir beide bis zum Morgengrauen wach bleiben. So lange, bis wir, vollbeladen mit Stickern, todmüde in unsere Betten fallen. Und das Verrückte daran: Ich wage zu behaupten, dass die tollste Frau der Welt das sogar ganz toll finden wird Chaos Computer Congress Ich fürchte, ich muss nun langsam mal erklären, über was ich hier schreibe. Was ist das überhaupt, dieser komische Chaos Congress von dem alle reden? Jetzt ist es dummerweise gar nicht so leicht zu beschreiben, was der C3 eigentlich ist. Im Prinzip ist es ein Treffen der europäischen Hacker-Community und deren Artverwandten. Mich zogen immer die technischen Themen zum CCC. Hand aufs Herz, selbst heute lasse ich den alten Bundesdatenschutzbeauftragen links liegen, wenn zeitgleich jemand einen Talk darüber hält, wie er die Verschlüsselung der Downstreams der ersten iranischen Satelliten knackte. Lustiges Detail dazu: Es war der immerselbe Koran-Vers, den die Iraner da für Millionen Dollar aus dem Weltall auf die Erde funkten Neben den Vorträgen geht es oft einfach darum, sich mal wieder zu treffen und um den Austausch mit alten Bekannten. Daneben lassen sich neue Ideen, vielversprechende Ansätze und innovative Lösungen zu alten Problemstellungen aufschnappen. In den mategeschwängerten Nächten wird oft viel ausprobiert und entwickelt. Ich saß schon mit einem Entwickler zusammen, dessen Software ich einsetze und habe neue Features implementiert. Vorher hatte ich ihn nie gesehen. Dieses Jahr habe ich meinen Server vollständig neu aufgesetzt, einen neuen (Hipster ) Webserver eingerichtet und diverse schon lange überfällige Technik ToDos abgearbeitet. Als ein Problem aufkam, bin ich einfach zur entsprechenden Assembly gegangen. Keine drei Minuten später hatte ich jemanden gefunden, der sich auskannte. Eine Stunde später hatten wir das Problem zusammen gelöst und ich wieder etwas gelernt. Daneben gibt es natürlich noch jede Menge Metathemen rund um die Technik. Der Podcaster-Bereich erfreut sich seit drei Jahren wachsender Beliebtheit. Die Themenfelder Datenschutz und Sicherheitspolitik sind ohnehin seit jeher feste Größen auf dem Congress. Wer sich etwas auskennt, hat auf dem Congress auch mal die Gelegenheit, mit Bundestagsabgeordneten oder Mitgliedern des Europaparlaments einen Mate zu trinken. Es ist also mehr als einfach nur Technik auf dem Congress. Kinder auf dem 33C3 Seit ein paar Jahren beobachte ich nun schon, dass immer mehr Kinder auf dem Congress sind. Zugegeben, auch ich habe vor ein paar Jahren noch den Kopf geschüttelt. Was wollen Kinder denn auf dem Congress? Für die ist das doch stinklangweilig dort, dachte ich. Das war, bevor ich selbst Papa wurde. Dieses Jahr war ich tatsächlich ab und an auf dem Kidspace des 33C3. Ja, ich bin echt spießig geworden und interessiere mich jetzt ganz offiziell wirklich brennend für solchen Kinderkram . Im Kidspace rasten einige Zwerge mit Bobbycars über eine ganze Etage des Hamburger CCHs. In allen Ecken fanden irgendwelche Basteleien statt. Zwischen all dem Treiben muss ich gestehen, dass mir die späte Einsicht kam. Eigentlich ist der Congress sogar der perfekte Ort für Kinder. Und wer könnte das besser wissen, als die Kinder selbst? Danke an Lamia und ihre Tochter für das tolle Video. Besser könnte ich es auch nicht beschreiben… Gibt es einen besseren Ort, an dem mich meine Tochter später mal auslachen kann, wenn ich ihr zeige, welche Super Nintendo Spiele wir früher so gespielt haben? Wo sonst lernt sie einen bewussten Umgang mit Medien und Technik? So ein TV-b-gone Stick macht jede Menge Spaß im Elektrofachhandel um die Ecke . Daneben zeigt direkt auch die Verantwortung auf, die mit dem Einsatz von Technik immer verbunden ist. Der Congress ist Technikphilosophie und Medienkompetenz zum Anfassen - und das auf eine enorm spielerische Weise. Es gibt aber auch den ganz klassischen Kinderspaß: Massenweise Duplo zum Bauen gigantischer Türme, ein rieeeesiges Straßennetz zum Abfahren (samt Tunnel!), Technikbasteleien wie Lichtmalen, Vibrobots oder Pixln. Ganz besonders cool ist übrigens die Augmented Reality Sandbox. Endlich mal richtig Matschen ohne dreckig zu werden. Im Hackcenter können dann nach Herzenslust die neusten Spielereien wie alte Flipper-Automaten, kunterbunte Licht-Installationen, Lasercutter, 3D Drucker und computergesteuerte Nähmaschinen ausprobiert werden. Unter fachkundiger Anleitung versteht sich. Aber die ist in der Regel mehr als bereit für einen Mate sämtliche Fragen ausführlichst zu beantworten. Oder aber ältere Kids rotten sich zusammen, kapern die elterlichen Laptops und eine der vielen Couches im Foyer um in Minecraft neue Welten zu erbauen. Jedes Jahr scheinen neue Ideen in den Kidspace einzufließen. So haben auch die Kleinsten ihren festen Platz auf dem Congress gefunden. Vor ein paar Jahren habe ich keinen Gedanken an Kinder auf dem Congress verschwendet. Heute aber, ja da würde ich mich unheimlich freuen, wenn auch meine Tochter in ein paar Jahren dort mit den anderen Kindern herumtoben würde. Der Congress ist der perfekte Rahmen, um Kindern den Umgang mit Technik beizubringen. Denn Hand aufs Herz, auch wir Erwachsenen sind nur dort um zu Spielen. Darin unterscheiden wir uns von den Zwergen im Kidspace tatsächlich kaum. Darum kann ich auch den Jungs von Methodisch Inkorrekt nur vollständig zustimmen.
Sechs Monate als Papa
22.11.2016 00:00
Ein ganzes halbes Jahr ist unser Töchterchen schon alt. Unglaublich, wie lange die Geburt schon zurück liegt. Hören wir heute Eltern sagen Mein Baby ist schon 18 Wochen alt verdrehen wir die Augen. Wir sind cooler. Wir rechnen das Babyalter jetzt in Monaten. Was wissen diese Anfänger denn schon? Sollen diese naiven Greenhorns doch mal warten, bis der erste Zahn kommt, bevor sie hier über komischen Windelinhalt quatschen. In der Elternhierarchie haben wir nun, offiziell durch die Geburtsurkunde beglaubigt, die nächste Karrierestufe erklommen. Yeah Entwicklungsschritte eines Babys Unser Töchterchen lernt langsam krabbeln. Sie robbt schon von einer Ecke in die andere und dreht sich fröhlich im Kreis. Auch Sitzen klappt schon irgendwie halbwegs - wenn auch noch sehr, sehr wacklig. Interessant dabei ist, dass unsere Tochter, verglichen mit anderen Babys in unserem Umfeld, eine absolut Schnellzünderin war. Sie konnte sich als erste drehen und legte eine steile Lernkurve an den Tag. Heute ist sie eher im hinteren Drittel was die Fähigkeiten angeht und wurde von anderen Babys überholt. Witzig, dass bei uns einfach drei Wochen kaum etwas weiterging und die anderen Kids unser Töchterchen mal eben so überholten. Also keine Panik auf der Titanic. Jedes Baby hat seine eigene Entwicklungskurve und die geht mal flotter und langsamer voran. Klar, auch wir vergleichen da die Fähigkeiten. Hatten wir eigentlich nie vor, aber spannend war’s am Ende dann doch. Aber Hand aufs Herz: Auch ich habe mich kurz gefragt, wie denn das sein kann, dass hier andere Babys plötzlich robben und unsere seit Wochen den Hintern nicht hochbekommt Nach einem kurzen Moment erinnerte ich mich an das zügige Tempo ihrer Entwicklung am Anfang und damit war die Sache gegessen. Sie macht das schon und eigentlich sollte ich dankbar sein, denn sobald sie krabbelt werde ich es wohl verfluchen, mir diese Fähigkeit jemals herbeigesehnt zu haben Auf die Zähne fertig los Meine Güte ist die Kleine heute mies drauf. Das sage ich erstaunlich oft gerade. Aber die guten Tage nehmen wieder langsam zu - immerhin! Keine Ahnung, ob jetzt die Zähne an der miesen Laune schuld sind. Auf alle Fälle hat unser Töchterchen nun zwei wirklich spitze Hauer im Unterkiefer. Sie nagt fröhlich auf allem herum und beißt auch mal ganze Gurkenstücke ab. Inzwischen müsste sie auch ein Vorsicht bissig! Schild umgehängt bekommen. Schließlich ist es nicht mehr so gefahrlos wie früher, wenn naive Nicht-Eltern sich ihre Finger von ihr in ihren Mund stecken lassen. Das kann echt wehtun! Angefangen hat das Zahnen mit grünem Kram in der Windel und Massen von Speichel, der aus ihrem Mund tropfte. Verschluckt hat sie sich deswegen auch plötzlich wieder öfters. Heute fährt sie mit ihrer Zunge ihre neuen Folterwerkzeuge ehrfürchtig ab und grinst dabei diebisch. Will nicht wissen, was sie so macht, wenn die anderen Zähne auch durchbrechen. Auf jeden Fall dauert es nun nur noch läppische 18 Zähne, dann ist auch dieser Wahnsinn überstanden. Mehr Papagefühle? So richtig als Vater fühle ich mich noch immer nicht. Klar, das Baby bestimmt mein Leben. Das Töchterchen und ich haben inzwischen unsere Papa-Insider-Jokes. Mit vielem habe ich mich inzwischen abgefunden. Dass sich hier immer alles ums Baby dreht? Geschenkt. Keine Zeit mehr zu zweit abends? Wenn’s denn dem Töchterchen dient, okay. Essen ab jetzt zu geregelten Zeiten und am Tisch statt auf dem Sofa? Ist ohnehin irgendwie erwachsener. Und das sind wir doch mit Baby irgendwie jetzt auch offiziell - also solche Erwachsene. Mit Tragetuch durchs winterlich kalte München spazieren, nur um der Mama eine freie Stunde zu schenken? Wenn es unbedingt sein muss ist’s eben so. Was mir aber wirklich, wirklich zu schaffen macht sind die Nachtschichten. Ich muss es mir eingestehen: Ich bin ganz offensichtlich einer derjenigen, die nachts echt nur schwer in die Puschen kommen. Um ehrlich zu sein: Ich bin nachts immer schwer genervt, wenn ich die Spätschicht übernehmen muss. Dumme Sprüche und grummliges Schnauben kann ich mir da einfach nicht verkneifen Vielleicht wird auch das irgendwann werden. Zumindest bisher habe ich erstaunlich oft einfach aufgegeben mich zu wehren. Das Baby gibt den Ton an, so ist es eben jetzt erst einmal. Aber das gibt mir auch Zeit, meine Rache akribisch zu planen und den Gegenschlag in der Pubertät des Töchterchens vorzubereiten. Nur soviel: Mit dem Ausschlafen nach der letzten Party-Nacht wird es nichts werden, liebe Tochter Es liegt aber definitiv noch ein Weg vor mir, bis ich zu dem Papa werde, der ich gerne sein möchte. Noch bin ich nicht dort angekommen. Vielleicht werde ich das auch nie, dann ist eben der Weg das Ziel. Mal sehen was die nächsten sechs Monate im Leben als Vater so bringen. Seit Neustem habe ich sogar eine eigene Trage bekommen. Abends zieht das Töchterchen mit mir jetzt regelmäßig um die Häuser. Ein besseres Bodybuilding-Programm gibt’s auch für Geld nicht zu kaufen. Weil auch der Kinderwagen einen Totalschaden hat, ist die Trage auch doppelt relevant. Etwas schade um den Kinderwagen ist es dann aber schon. Schließlich wollten wir doch eigentlich mal diesen Sportsitz ausprobieren. Der würde dem Töchterchen sicher gut gefallen.
Eine Verteidigung der Taufe
08.11.2016 00:00
Als religiös würde ich mich nicht bezeichnen. Dabei bin ich getauft, ging zur heiligen Kommunion und wurde sogar gefirmt. Nebenbei war ich auch noch fünf Jahre Ministrant. Nicht unbedingt, weil ich an Gott glaubte. Eher, weil es in unserer Gemeinde Geld dafür gab und es wirklich Spaß machte. Die Abläufe der verschiedenen Liturgien, die Farben der Gewänder und deren Bedeutung - über all das kann ich heute noch erzählen. Natürlich haben wir Kinder, mitten in all diesen mit Bedeutung überladenen Dingen, auch unsagbar dummen Mist getrieben. Das Eis, welches wir damals auf Kosten der Gemeindekollekte aßen, ist mir heute noch unheimlich peinlich Heute, da glaube ich, muss ich es mir eingestehen: Ich gehöre einer Minderheit an. Ich bin tatsächlich einer, der seine Kinder noch taufen lassen möchte. Dafür muss ich auch bei der tollsten Frau der Welt jede Menge Überzeugungsarbeit leisten. Es ist heute einfach common sense, seine Kinder nicht taufen zu lassen. Sari vom Heldenhaushalt Blog hat in ihrem Artikel Warum unsere Kinder nicht getauft sind über ihre Sicht auf die Taufe geschrieben. Für mich gibt es dennoch sehr starke Gründe, die eben doch für dieses alte Ritual sprechen. Die haben mit Religion zu tun, aber eben nicht ausschließlich. Vermittlung von Werten Warum zur Hölle bin ich bereit wegen dieser so uncoolen Taufe einen Streit mit der tollsten Frau der Welt vom Zaun zu brechen? Die Antwort ist, dass dieser Wunsch ganz einfach meinem subjektiven Empfinden entspringt. Nein, ich bin nicht sonderlich gläubig. Auf die Frage Gibt es Gott? antworte ich gerne mit der Gegenfrage Würde die Antwort denn für dich persönlich einen Unterschied machen?. Eine Religion ist nur eine Form von Glauben. Die harten Dogmen diverser Erziehungsratgeber stellen für viele moderne Eltern eine Glaubensform dar. Es gibt so viele Dinge, an die wir alle glauben, denen wir einfach vertrauen. Das gibt Halt und Stabilität. Ob es nun der Bio-Metzger ist, der mir versichert, seine Schweinchen gut zu halten, die Fair-Trade Bananen oder eben Erziehungsstile. Wir konsumieren die Schnitzel im guten Glauben, dass der Metzger nicht lügt. Wir erziehen, wie wir erziehen, weil wir glauben, dass es das Beste für unsere Kinder ist. Hand aufs Herz: Wirklich wissen tun wir nur sehr wenig. Ich glaube, dass ich meiner Tochter mit der Taufe einen neuen Horizont anbiete und wichtige Werte vermitteln kann. Sie soll Sankt Martin feiern und wissen, dass es die Pflicht eines jeden von uns ist, Menschen in Not zu helfen. Die tollste Frau der Welt und ich möchten zu Weihnachten eine neue Familientradition etablieren. Jedes Weihnachten möchten wir Familienrat halten. Dort entscheiden wir dann zusammen, wohin wir einen Teil des Weihnachtsgeldes als Familie spenden. Ich wünsche mir, dass meine Tochter den Geist von Weihnachten zu schätzen lernt. Es soll um mehr als nur Geschenke gehen. Die biblische Geschichte vermittelt diese, unsere Werte, sehr anschaulich. Ich kann mich noch gut an dunkle Winternächte erinnern, bei denen wir Kinder immer ehrfürchtig dem Krippenspiel zugesehen haben. Natürlich haben wir das damals mit den Werten nicht wirklich verstanden. Heute, Jahrzehnte später, verstehe ich es aber und kann es benennen - auch anhand solcher biblischen Geschichten. Jetzt lassen sich Werte auch ohne Religionen lehren und vorleben. Aber Religion schadet dem eben auch nicht, sie kann diese sogar verdeutlichen. Auffangnetz Pate Wir haben uns auf zwei Paten für unsere Tochter geeinigt. Für mich ist das tatsächlich ein (lausig bezahltes ) Pöstchen. Aber eben eines mit besonderer Bedeutung. Sollte der tollsten Frau und mir etwas passieren, dann sind das exakt die Menschen, denen wir unser Kind anvertrauen wollen. Dahinter steht für uns damit mehr als nur eine hübsche Urkunde. Wir möchten ein enges Band zwischen den Paten und unserer Tochter aufbauen. Wir vertrauen darauf, dass sie als Rettungsnetz im schlimmsten aller nur denkbaren Fälle agieren. Tatsächlich werden wir das auch so demnächst in unserem Testament festlegen. Ich finde es schön, die Taufe als Symbol für dieses Vertrauen und das Band zwischen unserer Tochter und den Beiden zu haben. Es ist ein Ereignis, in dem nicht wir, die Eltern, sondern die Paten und unsere Tochter im Mittelpunkt stehen. Wir geben unser Kind frei und die Paten übernehmen das Ruder. Die tollste Frau und ich, wir beide haben uns die Menschen ausgesucht, bei denen wir uns sicher sind, dass unsere Tochter sicher aufgehoben ist. Die Taufe wird ihr Event. Sie besiegelt diesen ungeschriebenen Vertrag zwischen unserem Töchterchen, uns Eltern und ihnen. Als Vater ist es mir wichtig, dass so eine gewichtige Aufgabe nicht bei einem Bier am Tisch abgefrühstückt wird. Ich möchte, dass es etwas ernster zelebriert wird. Eben dem Job angemessen. Ich glaube, dass die Taufe dazu eine wunderbare Plattform bietet. Glaube als Anker Mein Großvater starb lange vor meiner Großmutter. Die beiden stammten natürlich auch aus einer anderen Zeit. Religion war aus ihrer Jugend und dem Dorfleben in dem sie beide aufwuchsen nicht wegzudenken. Beide waren gläubig - meine Großmutter fast schon strenggläubig. Als eines ihrer Kinder sich scheiden ließ, ging richtig die Post ab. Die Familienbande wurden nachhaltig durchgeschüttelt. Es dauerte Jahre, bis meine Oma das Verhalten ihres Kindes verstehen und akzeptieren konnte. Was mich an ihr beeindruckt hat, war aber nicht ihre Sturheit. Es war ihre Zuversicht und dieses unendliche Gottvertrauen. Ihr Mann, mein Opa, wurde Jahrzehnte vor ihrem Tod von ihr genommen. Als wir Enkel bei ihr übernachteten betete sie mit uns zu unserem Großvater. Die kitschigen Marienbildchen an der Wand gehörten für uns einfach dazu. Es war eben ihre Art nicht zu verzweifeln. Ihre ganz persönliche Hoffnung auf ein Wiedersehen mit meinem Großvater. Und die war eben ständig in Form dieser Bildchen präsent. Die Religion gab ihr großen, fast schon unheimlichen festen Halt. Ohne sie wäre meine Großmutter in ein sehr, sehr tiefes Loch gefallen. In ihren letzten Jahren war sie öfters im Krankenhaus. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich auf der Intensivstation stand. Sie war verkabelt und ihr ging es richtig dreckig. So lag sie dann und murmelte plötzlich «W. ich komme zu dir.». Ich fand es sehr tröstlich zu wissen, dass meine Großmutter den Tod nicht als das Ende ansah. Für sie war es der Punkt, an dem sie ihren geliebten Mann, nach Jahren der Einsamkeit, wiedersehen konnte. Was es auch uns Angehörigen am Ende leichter machte. Wir konnten sie gehen lassen und wünschten uns fest, dass ihre Hoffnung sich erfüllen möge. Manche würden nun sagen, dass sei doch ohnehin vollkommener Unfug an etwas derartiges zu glauben. Ja, mag sein - aber darauf kommt es gar nicht an. Glaube kann helfen, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Selbst wenn danach nichts ist. Ob ich dabei an fliegende Aluhüte, das ewige Paradies, kosmische Energie oder einen pinken Milchreis-See glaube ist letztlich vollkommen egal. Wenn es einem Menschen hilft, Halt in schwierigen Situationen zu finden, hat der Glaube seine Aufgabe erfüllt. Spekulativ und subjektiv ist es immer - ganz gleich, ob jemand nun Atheist, Jude, Hindu, Buddhist, Moslem oder Christ ist. Auch Nicht-Glauben ist eben kein Wissen. Ich wünsche mir für meine Tochter, dass sie etwas findet, um Kraft in ausweglosen Situationen zu tanken. Das kann die Religion sein. Mit dem Konzept Glauben würde ich sie deswegen gerne vertraut machen. Freiheit der Entscheidung Gut möglich, dass meine Tochter mit 10 Jahren in den Ethik-Unterricht möchte und dem Christentum abschwört. Das ist ihre Entscheidung, die sie dann vor sich und für sich begründen können muss. Jetzt ist sie noch zu jung dazu und daher treffe ich diese Entscheidung zur Aufnahme in eine Religion für sie. Im guten Glauben, dass ich ihr damit eine Tür öffne, die sie selbst dann aufstoßen oder aber wieder schließen kann. Ich halte es für schwerer, als Erwachsener einen Zugang zur Religion zu bekommen. Es ist leichter, eine angelehnte Tür zu öffnen, als eine neu zu bauen. Für mich ist das auch ein Grund, der für die Taufe spricht. Und außerdem muss ich beim lieben Gott ja auch noch dringend die Sache mit der Kollekte damals wiedergutmachen Nachtrag: Linkparade zum Thema Taufe Nach einigem Hin und Her auf Twitter haben Ella von HerzKindMama und ich uns entschlossen eine Linkparade zu dem Thema Taufe ins Leben zu rufen. Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zur Taufe und Kirche im Allgemeinen. Wir hoffen anderen Eltern mit der Parade ein paar Anregungen und Meinungen mit auf den Weg geben zu können. Je mehr Blickwinkel zusammengetragen werden, desto wertvoller wird das Ganze. Wenn ihr euch also angesprochen fühlt macht einfach mit und tragt euch bei Ella ein.
Meine Liebsten Kinderbücher
28.10.2016 01:00
Marleen von Blog Aufbruch zum Umdenken hat eine wirklich nette Blogparade gestartet. Es geht um die persönlichen fünf Kinderbuch-Highlights. Als Kind habe ich jede Menge Bücher verschlungen. Ein würdige Blogparade für den Einstieg also. Über Kinderbücher ab dem Grundschulalter kann ich schon das ein oder andere erzählen Vorab: es ist wirklich, wirklich schwer sich hier auf fünf Bücher zu beschränken. Nicht mit von der Partie ist Nils Holgersson, geschrieben von der ersten weiblichen Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf. Auch knapp das Podium verfehlt hat Bernds gesammelte Katastrophen von Anders Jacobsson und Sören Olsson. Ebenso weggefallen sind sämtliche anderen Werke von Autoren, die schon mit einem Buch in dieser Liste vertreten sind. Andernfalls wäre dieser Artikel auch einfach zu riesig geworden. Nun gut, dann mal ran die Bulleten. Hier kommen meine liebsten Kinderbücher. Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren Die Entscheidung bei Astrid Lindgren fällt mir wirklich schwer. Ich liebe Ronja Räubertochter und die Abendteuer von Pippi Langstrumpf über alles. Die gibt es unter Garantie auf die Ohren in meinen Vorlese-Sessions. Der freche und ungezogene Michl war ohne Frage eines meiner Vorbilder als kleiner Tunichtgut. Wirklich nachhaltig aber bewegt hat mich Die Brüder Löwenherz. Selbst heute muss ich noch ab und an an dieses Werk denken. Als Kind habe ich das Buch irgendwann in die Hände bekommen und war von den Abenteuern der beiden Brüder vollkommen fasziniert. Lindgren schreibt in dem Schmöker über Mut, Gerechtigkeit und Zivilcourage. Sehr aktuelle Themen also. Allerdings ist ein weiteres Thema des Buches um Welten ernster. Die Gebrüder Löwenherz erleben ihre Abenteuer eben nicht in unserer Welt. Sie sterben. Beide. Und die Geschichte über ihren Tod bildet den ersten Abschnitt des Buches. Jonathan rettet seinen kleinen Bruder Karl, genannt Krümel, aus ihrem brennenden Wohnhaus. Er überlebt seine Heldentat nicht. Die Tragik ist, dass Krümel eine unheilbare Krankheit hat. Er weiß, dass er seinem großen Bruder unweigerlich folgen wird. Seine Eltern verzweifeln an der Situation. Als das Unvermeidliche dann eintritt, findet Krümel sich in Nangijala wieder. Zu seinem Verwundern stellt er fest, dass der Tod doch nicht das Ende ist. Denn auch in Nangijala wohnen Menschen. Krümel und Jonathan treffen sich wieder und verleben wundervolle Tage im Kirschtal. Doch wo es Menschen gibt, da stehen sich eben oft auch Gut und Böse gegenüber. Es gilt also Freunde zu finden und die Fahne der Gerechtigkeit hochzuhalten. Die Brüder Löwenherz spricht eines der größten Tabus unserer modernen Zeit an. Lindgren wagt es, mit Hilfe eines Buches, Kindern die Natur des Todes greifbar zu machen. Gerade deswegen finde ich diese Buch so wunderbar. Wir alle müssen sterben und irgendwann fällt für jeden unweigerlich der letzte Vorhang. Darüber zu reden ist hart - selbst unter Erwachsenen. Es mag die Zeit kommen, da wird auch das Umfeld unserer Kinder durch den Tod durchgeschüttelt. Genau dann ist es an der Zeit die Geschichte der beiden Brüder aus dem Regal zu holen. Das Buch wirft einige wichtige Fragen auf. Ich würde es dennoch nicht vor der dritten Klasse vorlesen, denn gerade der Anfang und der Schluss sind nicht ganz harmlos. Wobei auch hier gesagt werden muss, dass Kinder und Erwachsene nicht selten zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationen dieser Geschichte haben. Lippels Traum von Paul Maar Die tollste Frau der Welt hat mich beauftragt ihr allerliebstes Kinderbuch auf die Liste aufzunehmen. Zähneknirschend beuge ich mich der weiblichen Übermacht. Selbst kann ich mich nur noch wage an Paul Maars Buch, Lippels Traum, erinnern. Da war doch irgendwas mit einer fiesen Babysitterin und schrecklich ekliger Tomatensuppe, richtig? Richtig! Frau Jakob ist das Babysitter-Monster und Philipp, genannt Lippel, ihrer Willkür ausgeliefert. Für eine ganze Woche sind Lippels Eltern auf einen Kongress gefahren. Sieben endlose Tage muss der Junge sich mit der fiesen Aufpasserin herumschlagen. Als Frau Jakob ihm eines Abends sein Buch mit Geschichten aus 1001 Nacht wegnimmt reißt Lippel die Hutschnur. Er beschließt kurzerhand die eben angefangene Geschichte einfach weiterzuspinnen - zur Not eben im Traum. Dort erlebt Lippel dann so manches Abenteuer im Morgenland und langsam beginnen an diesem sonderbaren Ort sogar Realität und Traum ineinander zu verschwimmen. Paul Maar hat das allseits beliebte Sams erfunden. Jedoch steht der weniger beachtete Lippel dem gepunkteten Sams in nichts nach. Lippels Traum ist irgendein Zwischending zwischen Erzählung und Märchen. Bunt und lustig wie ein vor Zucker triefendes Kaubonbon. Ein absolut wunderbares Buch für lange Vorleseabende. Pünktchen und Anton von Erich Kästner Schon wieder so ein Autor. Verdammt nochmal, Erich! Wie soll ich mich denn zwischen Das fliegende Klassenzimmer, Emil und die Detektive und Pünktchen und Anton entscheiden?! Erich Kästner gehört zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Seit unserem Besuch im Erich Kästner Museum in Dresden halte ich ihn sogar für schlichtweg brillant. Wenn ich mich also wirklich entscheiden muss, dann gewinnt Pünktchen und Anton. Aber nur weil ich hier ein Töchterchen habe, Pünktchen total toll finde und es im fliegenden Klassenzimmer ja schließlich keine Mädchen gibt Starten wir also mit der frechen Luise, alias Pünktchen, ins Rennen. Sie lebt mit ihrem Eltern in einem riesigen Haus samt Kindermädchen. Geld ist für die Familie des Herrn Direktorchen, wie Pünktchen ihren Papa liebevoll nennt, kein Thema. Allerdings haben ihre Eltern kaum Zeit für sie und so werden die Hausangestellten zu engen Bezugspersonen für Pünktchen. Und dann gibt es da eben noch Anton. Zu ihm baut Pünktchen im Laufe des Buches eine dicke Freundschaft auf. Doch Anton hat die Welt von einer anderen Seite kennengelernt. Seine alleinerziehende Mutter hatte eine schwere Operation und ist nun krank. Das Geld ist knapp. So knapp, dass Anton betteln gehen muss. Der Gegensatz ist klar: Arm trifft reich. Die reiche Pünktchen trifft auf den bettelarmen Anton und seine schwer kranke Mutter. Gerade weil die beiden nichts auf diesen Gegensatz geben, beginnt eine dicke, fette Freundschaft. Das Buch wurde 1931 veröffentlicht und hat auch heute nichts an seiner Aktualität verloren. Es bespricht tief ethische Fragen auf einer Ebene, die auch Kinder verstehen und nachvollziehen können. Ein zeitloser Klassiker in Sachen Kinderbücher eben - inklusive anrührendem Happyend und jeder Menge Kritik an der Welt der Erwachsenen. Ich habe Artikel im Feuilleton gelesen, die waren um Welten weniger gesellschaftskritisch als einige Kapitel dieses Buches. Krabat von Ottfried Preußler Schonmal vor der Wahl gestanden Zauberkräfte zu bekommen? Nein? Dann nix wie ran an Krabat von Ottfried Preußler. Zehn Jahre hat der Autor daran geschrieben. Und das obwohl der grundlegende Plot schon durch eine sorbische Sage mit demselben Namen vorgegeben war. Der Räuber Hotzenplotz und die kleine Hexe sind weitere bekannte Werke Preußlers. Krabat richtet sich aber an etwas ältere Kinder als die anderen Bücher des Autors. Der 14-jährige Krabat ist ein Waisenjunge. Mit einigen Kumpanen streift er in der Lausitz umher und wird schließlich Geselle an einer Mühle. Es dauert nicht lange, da kommt er hinter das Geheimnis der Mühle und seiner Bewohner. In Wirklichkeit ist es eine Schule für schwarze Magie und die zwölf Lehrlinge sowie den Meister umgibt ein dunkles Mysterium. Nachdem immer zu Jahresende ein Mühlknappe verschwindet, wird Krabat stutzig. Er beginnt das böse Spiel zu ahnen, in welches er verstrickt ist. Ein wirklich spannendes Buch. Die meisten lesen es tatsächlich in einem Rutsch durch. Allerdings ist der Stoff nichts für kleine Kinder. Stellenweise ist Krabat wirklich richtig gruslig. Für die Großen ist es aber ein Buch, an das sich viele noch im Erwachsenenalter erinnern werden. Auch vor einigen Monaten, als ich Krabat seit Jahren wieder aus dem Bücherregal fische und las, war die Spannung wieder da. Tolles Buch und absolut empfehlenswert für mutige Knirpse. Ben liebt Anna von Peter Härtling Und schon wieder mischt sich die tollste Frau der Welt in meine Angelegenheiten. «Du musst Ben liebt Anna vorstellen. Ohne das Buch darf die Liste nicht raus!» sagt sie. Also gut, dann nehmen wir eben noch Ben liebt Anna von Peter Härtling mit auf. Zugegeben, der Stoff wirkt auf den ersten Blick so, als ob damit eindeutig die Zielgruppe Mädchen angesprochen werden sollte. Aber eben nur auf den ersten Blick. Ben geht in die vierte Klasse. Eines Tages kommt ein neues Mädchen in die Klassengemeinschaft. Anna ist aber eben nicht wie andere Mädchen. Sie kommt aus Polen und ist erst seit sechs Monaten in Deutschland. Damit wird sie direkt aus Außenseiterin abgestempelt. Auch Ben geht anfangs nicht gerade zimperlich mit ihr um. Dennoch wird ihm recht schnell klar, dass er Anna eigentlich ganz nett findet. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als einfach nur nett. Langsam nähren sich die Kinder einander an. Eine wirklich dicke Freundschaft zwischen Ben und Anna entsteht und Ben bekommt Einblicke in Annas Leben als Migrantin in Deutschland. Es hört sich schnulzig an - zugegeben. Aber in der Art und Weise wie Härtling diese Geschichte erzählt finden sich Grundschulkinder wieder. Die Zuneigung der beiden überwindet Vorurteile und wird eben beschrieben wie sie Grundschulkinder auch empfinden: Unschuldig und einfach wunderbar. Nebenbei gibt es Einblicke in die Thematik Migration und Integration. Genauso spricht das Buch aber eben Randthemen wie in die erste Schwärmerei, Mobbing und die Freundschaft zwischen Jungs und Mädchen an. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Jungs selten freiwillig dieses Werk zur Hand nehmen. «Voll der Mädchenmist» und so. Ihr kennt das ja. Wer aber einfach mal mit dem Vorlesen beginnt, der wird auch alle kleinen Möchtegern-Machos damit fesseln. Und genau diesen Punkt kann ich Ben liebt Anna gar nicht hoch genug anrechnen. So etwas schaffen nur ganz ganz wenige Schmöker die um diese Themen kreisen.
Was mich wirklich umtreibt
23.10.2016 01:00
Mit dem Tod meiner Großmutter endete meine Kindheit endgültig. Ganze 25 Jahre hatte ich meine Oma. Und ihren Kirschbaum zum Klettern. Die selbstgestrickten Socken unterm Weihnachtsbaum. Eine Dampfnudel-Flatrate mit dicker Vanillesauce wann immer mir danach war. Als Kind habe ich sie ausgefragt. Ausgefragt nach früher, ihrer Kindheit, ihren eigenen Großeltern und natürlich dem Krieg. An einigen Abenden erzählte sie uns Enkeln schließlich auch einige Geschichten. Wie sie und andere Kinder aus dem Dorf sich vor der anrückenden Roten Armee fürchteten. Wie amerikanische Jagdflugzeuge über die Felder düsten und sie sich mit anderen Kindern unter eine Brücke flüchtete als die Getreidefelder eines Bauern mit Maschinengewehrfeuer überdeckt wurden. Und schließlich, wie ein paar Männer des Dorfes ein weißes Bettlaken auf dem Kirchturm des Dorfes hissten. Es sollte den anrückenden GIs die Kapitulation des badischen Dorfes signalisieren. Zeitgleich vergrub ein Haufen der letzten übriggebliebenen Wehrmachtsoldaten Munition und Waffen im nahegelegenen Wald. Dort verschanzten sie sich in Gräben und zwischen Bäumen und Sträuchern. Wenige Tage später war dann kein Schusswechsel aus dem Wald mehr zu hören und ein amerikanischer Jeep fuhr die Hauptstraße des Dorfes entlang. Meine Großmutter war nie ein politischer Mensch. Sie wählte immer sozialdemokratisch. Allerdings nur, weil mein Großvater Maurer war und viel auf die Sozen hielt. Etwas, das sie auch an mich weitergegeben hat. Auch wenn es einem die Sozialdemokraten heuer nicht unbedingt leicht machen. Mein Parteibuch trägt dann letztlich doch andere Farbe. Die Grundsympathie für die roten Socken ist dennoch hängen geblieben. Meine Oma hatte auch nicht wenige Vorurteile gegen ausländisch aussehende Mitbürger. Außer gegen Ali, den Taxifahrer, der sie jahrelang zur Krankengymnastik fuhr. Dem steckte sie zu Weihnachten Geld zu und verschenkte Schokolade. Was sie aber niemals getan hätte, da bin ich mir sicher, wäre die AfD zu wählen. Comeback längst vergangener Zeiten Und heute? Heute, da flackern in den Nachrichten neue Erkenntnisse zum nationalsozialistischen Untergrund über den Ticker. Es heißt, Kinderkleidung wurde im zerstörten Wohnwagen gefunden. DNA-Spuren von Böhnhardt wurden im Mordfall Peggy nachgewiesen, eine alte Ermittlung wegen Kindesmissbrauchs gegen die NSU-Mitglieder eingeleitet und nach ihrem Abtauchen wieder eingestellt. Ein Trio, dass jahrelang im Untergrund lebte, von Banküberfällen und wohl auch Kindermissbrauch lebte. Ein Trio, dass auf Usedom Urlaub machte und zahlreiche Menschen auf dem Gewissen hatte. Ein Trio, dessen ideologischer Antrieb von Menschen in diesem Land nicht verachtet, sondern fast schon geschätzt wird. Deutschland den Deutschen - hatten wir das nicht schon einmal? Der NSU ist weg. Aber die schleichende Spaltung der Zivilgesellschaft, die macht mir wirklich Angst. Es geht ein Riss durch die Gesellschaft und selbst meine eigene Familie ist betroffen. Menschen, für die ich Respekt und Achtung empfinde, kehren dem Humanismus den Rücken. Sie wählen die AfD und stimmen Slogans aus längst vergangener Zeit offen zu. Wie soll ich damit umgehen, wenn Menschen mit solchen Überzeugungen meine Tochter auf dem Arm halten? Was soll ich ihr später erzählen, wenn Gespräche auf dieses Thema kommen? Kann ich verhindern, dass Ehrlichkeit meinerseits ihre Zuneigung zu diesen Menschen nicht beeinträchtigt? Erziehung im Postfaktischen In einer Welt, in der greisen Pfarrern die Kehle durchgeschnitten, Menschen aufgrund ihrer Herkunft erschossen und Bürgermeisterkandidaten auf offener Straße ein Messer in den Hals gestochen wird, fällt es mir schwer, noch ruhig zu bleiben. Die Mitte der Gesellschaft bröckelt zu allen Seiten ab. Und es passiert längst nicht mehr irgendwo im nebligen Unbestimmten. Diese Sache hat inzwischen ganz konkret spürbare Auswirkungen auf mich und meine Familie. Auf einer kürzlich vergangenen Klausur erklärte ein Kollege, dass er von denen da oben ohnehin niemanden mehr wählen würde. Die Presse berichte doch seit Jahren nicht mehr objektiv und er würde jetzt nur noch Russia Today schauen. Verheiratet ist der Kollege mit einer Frau, die aus dem europäischen Ausland kommt. Er bezeichnet sich selbst als politisch links, vertritt aber dieselben Parolen wie die rechten Pegida Anhänger in Dresden - obwohl er mit denen nichts zu tun habe, wie er sagt. Der rechte und der linke Rand des politischen Spektrums unterscheiden sich in ihrer Weltsicht kaum noch, sie teilen sich gar dieselben verschwörungstheoretischen Feindbilder. Fakt ist, in unserer Gesellschaft teilen nicht mehr alle dieselben Werte. Fakt ist auch, meine Tochter bewegt sich mit zunehmen Alter immer weiter zum Mittelpunkt dieses Dilemmas. Irgendwann wird sie fragen. Irgendwann werde ich ihr die Unterschiede aufzeigen und konkret benennen müssen. Mache ich alles richtig, dann wecke ich ihre Empathie und zeige ihr, dass sie keine Angst vor der Fremde haben muss. Meine Hoffnung ist, dass sie der Schlüssel zu allem sein wird. Ich hoffe, sie wird im Kindergarten und in der Schule Freunde finden, die sie in andere kulturelle Kreise mitnehmen. Mein Wunsch ist es, dass sie sich in unterschiedlichen Kulturen zurechtfindet. Ich wünsche mir auch, dass sie lernt Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und über den Tellerrand hinauszuspähen. So hoffe ich, dass sie mit Herz und Verstand für ihre Werte einstehen kann. Wer weiß, sobald sie etwas größer ist und wir wieder ein Gästezimmer haben, könnten wir ja unseren alten Couchsurfer Account reaktivieren. Sie soll Menschen aus anderen Ländern kennenlernen. Zumindest meiner Familie wird es schwer falle, sich gegen die Kleine durchzusetzen, wenn sie mit leuchtenden Augen von indischen Diwali, türkischen Hochzeiten oder den netten amerikanischen Ladies im Gästezimmer redet.
Im Kaufrausch - Teil II: Babypflege
03.10.2016 01:00
Fünf Monate sind um und wir können tatsächlich ein erstes Resümee unserer Anschaffungen wagen. Windeleimer und Laufstall habe ich schon im ersten Teil der Serie beschrieben. Beide sind noch immer im Einsatz und an meiner Meinung über diese beiden Dinge hat sich bisher nichts geändert. Jetzt geht es aber um die üblichen Mittelchen, Tinkturen und Quacksalber-Angebote, die einen so in den ersten Monaten als frische Eltern überrollen. Kurzum, es geht um Babypflege und um alles was sich so um den heimischen Wickeltisch ansammelt. Wie immer gilt: Alle hier aufgeführten Produkte wurden ohne jegliches Sponsoring der Hersteller aufgenommen. Alles eigene Erfahrungen. Komplett ohne jeglichen Vorteil für die geschätzte Autorenschaft. Das gilt auch (und insbesondere) für jegliche Links in diesem Artikel. Grundsätzliches Hand aufs Herz: Jeder tickt etwas anders, wenn es darum geht, was an Babys Haut oder gar in den Mund kommt. Die einen schmieren fröhlich teure Cremes auf jeden roten Punkt, die anderen schwören auf Luft und Liebe. Unser Credo war immer: So natürlich wie möglich, so viel wie nötig. Alle Eltern müssen da ihren eigenen Weg finden und sich entsprechend entscheiden. Dieser Artikel beleuchtet nur unsere Sicht der Dinge - nicht mehr und nicht weniger. Hier eine Kurzübersicht über unser privates Waffenarsenal in Bildform: Die meisten Mittelchen hatten wir gegen die Blähungen der ersten Wochen. Für die eigentliche Babypflege reichten uns Wasser, ein Waschlappen, eine Salbe und ein Öl. Rückblickend waren wir damit noch total über-ausgestattet. Eigentlich braucht so ein Säugling erstaunlich wenig Dinge. Also, nix wie ran an die Buletten - wir grasen die ganzen Tinkturen mal nach und nach ab Anti-Blähungen: BiGaia Unser Kleines kam am Ende, anders als gewünscht, per Kaiserschnitt zur Welt. Angeblich hat so ein Kaiserschnitt auch Auswirkungen auf die Darmflora des Neugeborenen. Die Bakterien zum Ankurbeln derselben sollen den Säugling, unter anderem, auf dem Weg durch den Geburtskanal erreichen. Doof gelaufen - bei uns gab’s exakt das ja nicht Wir hatten zu Beginn tatsächlich echte Probleme mit der Verdauung. Natürlich haben auch natürlich geborene Kinder das, keine Frage. Wie wir frische Eltern nun einmal so sind, haben wir unsere Hebamme mit Fragen gelöchert und die empfahl uns BiGaia Tropfen. Das ist im Prinzip Sonnenblumenöl versetzt mit probiotischen Milchsäurebakterien, die aus stinknormaler Muttermilch extrahiert wurden. Ich weiß noch, dass die erste Nacht wirklich hart war nachdem wir die Tropfen gegeben hatten. Das mag aber nicht unbedingt an BiGaia liegen, denn solche Nächte mit drückenden Püpsen gabs schließlich vorher auch schon (und auch danach noch sehr, sehr viele). Ob BiGaia nun geholfen hat oder nicht, lässt sich schwer sagen. Wir haben es gegeben und einen Monat später besserte sich alles. Die Bakterien mögen ihren Anteil daran gehabt haben - keine Ahnung. Geschadet hat es auf alle Fälle nicht. Letztlich sollte aber niemand einfach mal prophylaktisch das Öl einwerfen. Wenn es aber akute Probleme mit Koliken beim Baby gibt, dann kann das Thema BiGaia ja mal mit der Hebamme angeschnitten werden. Anti-Blähungen: Windsalbe Zur Vorbeugung von Koliken wurde uns Windsalbe empfohlen. Die riecht sehr … ähm … eben, wie verdauungsfördernde Salben so riechen sollten. Gut ist anders, aber sie stinkt jetzt auch nicht. Eben irgendwas dazwischen. Auf alle Fälle kann damit das Bäuchlein des Babys einmassiert werden. Allerdings nur vorbeugend. Wenn der Bauch erst einmal hart ist, tut das höllisch weh. Also nur anwenden, wenn der Babybauch schon weich ist und das Baby gut gelaunt. So eine Massage macht selbstverständlich auch Spaß Der Name ist schon passend, denn ich bilde mir ein, dass das Einmassieren der Windsalbe schon einen kleinen Effekt auf unsere Pupskönigin hatte. Die Winde flutschen gefühlt tatsächlich etwas sanfter Sie mochte die Berührungen und das Streicheln ohnehin und wir haben eben alle paar Tage dann noch die Salbe dazu genommen. Jetzt ist so ein Babybauch aber sehr klein und die Salbenpackung einfach mal mega-riesig. Eigentlich reicht eine Probierpackung wochenlang. Die gibt’s übrigens oft direkt bei der Hebamme. Hier liegt eine kaum benutzte Packung der Salbe herum und inzwischen bekommt die Kleine die ersten Löffel Brei. Also nicht gleich die große Tube zulegen - so viel Salbe kann ein Säugling gar nicht verbrauchen. Anti-Blähungen: Sab Simplex Keine Ahnung was in diesen Sab Simplex Tropfen drinnen ist. Was ich auf alle Fälle sagen kann ist, dass diese Dinger uns in Notfällen echt gute Dienste geleistet haben. Führte Radfahren und manuelles Pups-Herausdrücken zu nichts, dann beendeten die Sab Simplex Tropfen das Geschrei der Kleinen in Sekunden. Ja, wirklich. Sobald die Tropfen heruntergeschluckt waren, war Ruhe. Mich stimmt das ja etwas skeptisch. Es ist definitiv die geballte Chemiekeule unter unseren Mittelchen. Einfach leichtfertig eine prophylaktische Tagesdosis würde ich unserem Baby davon niemals geben. Für Notfälle, wenn nichts anders hilft, kann das Teufelszeug allerdings als letzter Rettungsanker dienen. Wir sind mit dieser Taktik zumindest gut gefahren und Sab Simplex hat uns tatsächlich, auf wundersame Weise, ein paar ruhige Nächte beschert. Vitamin D: Vigantoletten Aus der Klinik wurde uns, wie allen Neugeborenen, eine Vitamin D Prophylaxe ans Herz gelegt. Wir bekamen direkt eine Packung mit nach Hause. Unsere Hebamme empfahl uns diese fluorhaltigen Tabletten aber erst einmal nicht zu nehmen, sondern stattdessen Vigantoletten ohne Fluor einzusetzen. Tablettchen mörsern, eine Tropfen Wasser dazu, herumrühren und fertig ist der Vitamin-Cocktail. Zum Thema Vitamin D gibt es viele Meinungen. Die Klinik, Hebamme und unser Kinderarzt waren sich einig, dass die Gabe der Tabletten grundsätzlich sinnvoll wäre. Ob das nun täglich sein muss, das sei dahin gestellt. Gerade im Sommer können selbst Babys Vitamin D in ausreichendem Maße bilden. Aber da sollte jeder mal in Ruhe mit der Hebamme und dem Kinderarzt seines Vertrauens sprechen. Diese Tabletten sind auch die einzigen hier beschriebenen Präparate, die apothekenpflichtig sind. Für’n Hintern: Windelbalsam Auch bei uns wurde der Hintern mal wund. Es passierte tatsächlich aber nur sehr selten. Wenn es mal wieder soweit war, brachte uns der Windelbalsam Heilung. Er wird von einer Hebamme in Zusammenarbeit mit der Bahnhofsapotheke Kempten hergestellt. Im Münchner Raum ist der Windelbalsam ein kleiner Geheimtipp. Viele Hebammen hier schwören darauf und haben bei jedem Hausbesuch ein Tübchen dabei. Ich kann in den Lobgesang auf das natürliche Mittelchen nur einstimmen. Das bisschen Wollwachs samt diverser Kräutertinkturen, hat uns jeden roten Hintern im Laufe einer Nacht wieder heile gemacht. Die Kleine hat es super vertragen. Die meisten Cremes in den Drogeriemärkten für Baby-Popos enthalten Zink und fielen damit aus unserem Raster. Zink ist immerhin ein Metall. Um das auf den Hintern meines Töchterchens zu schmieren, bin ich eben etwas zu sehr Öko Allrounder: Mandelöl Einige nehmen Olivenöl um die Falten ihres Babys sauberzumachen, wir sind bei Mandelöl hängen geblieben. Es geht auch noch eine Nummer exklusiver - dann mit Rosenöl. Egal welches dieser Öle benutzt wird. Mit Öl lässt es sich wunderbar massieren und noch heute gibt’s nach dem Baden eine ausführliche Mandelöl-Massage für unsere Kleine. Wenn mal wieder eine der vielen Falten sich mit Fusseln füllt und wund wird, dann erst alles aus ihr entfernen, an der Luft trocken lassen und am Ende noch etwas Mandelöl drauf. Fertig ist die Baby-Notfallversorung Wir baden hier sogar mit Mandelöl. Ein paar Tropfen in die Badewanne und los geht der Spaß. Ist übrigens auch toll für Erwachsene, denn das Öl bildet beim Baden einen dünnen Film auf der Haut und zieht dann langsam ein. Dem Töchterchen gefällt das genauso gut wie mir altem Knacker Was nutzt ihr so für die Pflege eures Babys und welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Gibt es vielleicht sogar irgendwelche Geheimtipps, die mir noch nicht zu Ohren gekommen sind? Ich würde mich freuen, davon zu hören!
Kino Parentopolis: Rita
20.09.2016 01:00
Wenn eine Serie aus Dänemark in den Staaten gefeiert wird, dann ist das zumindest mal einen Bericht wert. Es ist schon erstaunlich, wie weit es die Koproduktion von TV2 Danmark und Netflix gebracht hat. Eine beachtliche Fangemeinde hat sich um die Geschichten der dänischen Lehrerin gebildet und mit Hjørdis ist sogar ein Spinoff erschienen. Das Magazin Elle nannte Rita die beste Netflix Serie über die niemand spricht. Rita gibt es in der Originalsprache Dänisch, auf Englisch und auch in deutscher Sprache auf Netflix. Das Intro der Serie bringt die Story der Serie eigentlich wunderbar auf den Punkt: Kinderhände spinnen ein Spinnennetz aus einem Faden. Rita übernimmt das Wollband und fuchtelt damit herum. Es wird immer verworrener und diverse Symbole kommen zum Vorschein. Dann verknotet sich der Faden schließlich heillos. Aus den vielen, über den Faden verteilten Knoten wird zuletzt der Schriftzug RITA. Die allererste Szene der Serie zeigt Rita rauchend auf dem Schulklo - mit einem Edding in der Hand. Sie korrigiert direkt mal die Rechtschreibfehler eines, sie beleidigendes, Graffiti ihrer Schüler. Ja, Ritas Leben ist ziemlich verknotet und eben alles andere als ein rosarotes Märchen. In ihrer Rolle als Pädagogin erlebt sie nicht nur Höhenflüge. Auch ihre drei Kinder, die sie alleine großgezogen hat, sind inzwischen volljährig (oder kurz davor) und hinterfragen die Entscheidungen ihrer Mutter längst kritisch. Dabei kommt mehr als einmal heraus, dass Rita nicht immer wohlüberlegte Entscheidungen getroffen hat. Sie hat diverse Leichen im Keller und sie macht keine Anstalten, mit dem Stapeln aufzuhören. Das Spannende dabei ist, dass es genau diese fehlende Perfektion ist, die Rita so ehrlich wirken lässt. Sie mag nicht immer verantwortungsvoll handeln, manchmal sogar ganz eindeutig unüberlegt und impulsiv. Für mich sind es aber gerade diese unsäglich dummen Eigenheiten, die der Sache aber eine Ehrlichkeit und Tiefe verleihen, die vielen dieser künstlich hochpolierten Hollywood-Serien so oft fehlt. Daneben nimmt die Serie einige der modernen Erziehungsstile gekonnt auf die Schippe. Es geht dabei weniger um die Frage nach der richtigen Erziehung. Selbst Rita hat darauf keine Antwort und hat einige Fehler in dieser Angelegenheit begangen. Mehr geht es darum, einfach Vertrauen zu haben in die Kinder und ihnen genau dann bedingungslos zur Seite zu stehen, wenn es hart auf hart kommt. Eine Haltung, die mir sehr sympathisch ist. Die Handlung Wer keine Spoiler lesen möchte, der sollte den nächsten Abschnitt auslassen und bei der letzten Überschrift wieder einsteigen! Aus deutscher Perspektive ist die Schule an der Rita lehrt, zumindest auf den ersten Blick, ein Traum. Kissenburgen auf dem Flur, viel Platz und moderne Lehrinhalte und -methoden. Doch statt der hier erwarteten Kuschelpädagogik setzt Rita auf Konfrontation - an allen Fronten, privat und beruflich. Das läuft nicht ohne die ein oder andere Wunde bei den am Kriegsgeschehen Beteiligten ab. Aber so bissig wie Rita oft auftritt - irgendwie hat sie doch immer irgendwo Recht. Ritas Lehrerkollegen, die anfänglich naive Hjørdis und die vermeintlich knallharte Helle, bereichern die Meinungsvielfalt der Serie ungemein. Was mir an Rita gefällt ist dieser fast schon gesellschaftskritische Blick auf uns moderne Eltern. Die berufliche Kriegsfront von Rita wird nicht, wie angenommen, direkt durch die Schüler eröffnet. Es sind deren Eltern und ihre Versäumnisse, Ansichten und ihr Einfluss auf ihre Kinder, die viele Probleme in der Schule erst hervorbringen. Gerade in den ersten Folgen wird der Fokus auf einzelne Schüler und deren Probleme gelegt. Die Radikalität der Eltern ist es oft, unter der letztlich ihre Kinder zu leiden haben. Dabei zieht die Serie eben nicht nur auf die klassischen Kardinalfehler wie Vernachlässigung ab, sondern wendet sich einigen vermeintlich modernen Erziehungsstilen zu. Da reden beispielsweise Eltern ihrem Nachwuchs ein, dass Zucker so schlimm wie Heroin sei. Nicht nur Rita, sondern auch mir als Zuschauer verschlug es die Sprache, als ein Junge mit dieser Begründung einen Geburtstagskuchen seiner Mitschülerin ablehnt. Rita erwähnt in einer der ersten Folgen, dass sie nicht der Pädagogik wegen Lehrerin geworden sei, sondern um die Kinder vor ihren Eltern zu schützen. Dass Rita sich den eigenen Fehlern beim Großziehen ihrer eigenen Kindern stellen muss, finde ich in diesem Zusammenhang besonders spannend. Der Jüngste, Jeppe, ist homosexuell und muss im Laufe der ersten Staffel seinen eigenen Weg für sein Outing finden. Ritas vorlaute Sprüche helfen dem Jungen da nur begrenzt weiter. Molly ist arbeitslos und hat kaum das, was man ein gesundes Selbstbewusstsein nennen würde. Sie ist Legasthenikerin. Damit hat sie sich, trotz einer Lehrerin als Mutter, mehr schlecht als recht durch die Schule gemogelt - Rita hatte damals keine Zeit sich groß mit dem Sandwich-Kind Molly zu befassen. Der Große, Ricco, hat mit seiner Freundin Bitten das große Los gezogen und ist bis über beide Ohren verliebt. Rita hält nichts von Riccos großer Liebe und redet ihrem Großen öfter mal ins Gewissen - allerdings nicht ohne eigennützige Gründe. Das führt zu stellenweise heftigen Auseinandersetzungen. In diesen wird schnell deutlich, dass Rita zwar mit allerhand Männern etwas hatte, aber eben nie in der Lage war, ihre ganzen Liebschaften in stabile Partnerschaften weiterzuentwickeln. Eine Tatsache, an der nicht nur der Vater ihrer Kinder Schuld trug. Für wen und warum? Rita ist eine Serie mit starken Charakteren - eben eine Serie aus einem dänischen, ja europäischen Blickwinkel erzählt. Wer auf amerikanische Serien steht, der wird mit Rita sicher nicht glücklich. Wer aber zum nachdenken anregende Thematiken und Personen mit Ecken und Kanten mag, der ist bei der Serie gut aufgehoben. Es gibt wenige Serien über die harten Seiten des Lehrer-Daseins und noch weniger ehrliche Bestandsaufnahmen alleinerziehender Mütter. Alleine wegen diesen Themen lohnt es sich schon, Rita zu sehen. Serie.
Genderblender
18.09.2016 01:00
Den Ausschlag für diesen Artikel, hat der Bericht von Emilia Smechowski in der Zeit gebracht. Rosa ist scheiße schreibt sie. Recht hat sie und mich nervt es zunehmend in welche Rolle mein kleines Mädchen da von aller Welt gedrückt werden soll. Die Vorgeschichte Jetzt, als Papa einer Tochter, trifft mich die Gender-Keule mit voller Wucht. Wir wussten bis zur Geburt nicht welches Geschlecht unser Kind haben würde. Erst war es eine dumme Wette geboren aus einem dummen Spruch bei einem der ersten Ultraschalltermine. Wetten, dass ich länger durchhalte ohne das Geschlecht zu wissen als du?. Es ging in einem Unentschieden aus, denn obwohl ich jedes mal während des Ultraschalls auf den Bildschirm starrte, hatte ich bis zum Ende keinen Plan, welches Geschlecht es denn am Ende werden würde. Irgendwann war ich mir aber sicher, dass es ein Mädchen werden würde - obwohl ich zu Beginn der Schwangerschaft einen Sohn wirklich bevorzugt hätte. Es dauerte etwas, bis ich es unendlich super fand der Papa eines Mädchens zu sein. Gendermainstream Nach der Geburt fing dann der Gender-Wahnsinn so richtig an. Für mich war es erstaunlich, festzustellen, wie sehr selbst der banalste Babyalltag von Gender-Themen durchdrungen ist. Spielzeug, Schlafsäckchen, Kissen, Kleidung und selbst Schnuller oder Fläschchen - überall gibt es gegenderte Produkte zu kaufen. Das ist eigentlich gar nicht so mein Problem. Mich erstaunt es aber, wie wenig daneben bleibt. Einige Hersteller bieten schlicht nur blau und rosa an. Wenn mir, der sich mit der ganzen Gender-Thematik nur am Rande beschäftigt hat, das schon auffällt, dann hat das was zu heißen. Etwas bekamen wir das schon während der Kinderflohmärkte zu spüren. Als wir auf die Frage Was wird es denn? mit einem Schulterzucken antworteten war die Auswahl plötzlich oft hinüber. Viele hatten Berge voller rosa und blauer Klamotten, aber wenige neutrale Farben anzubieten. Daneben erschrak ich auch etwas, als ich diverse Kleidchen und Accessoires für Mädchen sah. Für mich ähnelten viele dieser Dinger eher Puppen-Anziehsachen als Babywäsche. Rückblickend würde ich sagen, dass unser Nichtwissen des Geschlechtes unseres Babys uns (und ihr) jede Menge dämliche Klamotten erspart hat. Es war verdammt richtig, sich dieser ganzen Geschlechter-Klischees zu entziehen. Bei mir hat diese lila Hölle aus Ponys, Glitzer-Kram und Prinzessinnen-Outfits einen regelrechten Abwehrreflex ausgelöst. Ich verfiel in das gute alte Patriarchat und verkündete der tollsten Frau der Welt die neue Parole: Solange die Kleine noch nicht bestimmen will, was sie anzieht, kommen keine rosa Klamotten ins Haus Grundsätzlich waren wir uns da schon einig, aber während die tollste Frau der Welt bei einigen Klamotten durchaus schwach wurde, ist der Farbton rosa ein dicker, fetter Minuspunkt für jegliche Art von Babyartikel. Tatsächlich haben wir, bis auf eine einzige Ausnahme, nur neutrale Babyklamotten im Einsatz. Genderneutraler Alltag Neutrale Klamotten wirken auf Außenstehende lustigerweise eher als Merkmal von Jungs. Wir wurden schon öfters mit Ei, das ist aber ein toller Junge angesprochen. Manchmal haben wir die Leute korrigiert, manchmal aber auch nicht. Eigentlich ist es ja vollkommen egal ob jemand unserem Baby dieses oder jenes Geschlecht zuordnet. Es stört uns auch nicht, wenn jemand Fremdes denkt unsere Tochter sei sein Junge. Wenn die flüchtige Begegnung in der Bahn besonders den alten Menschen ein Lächeln entlockt und die Kleine sie verzaubert, dann ist es ja auch schnuppe ob nun Junge oder Mädchen Was mir allerdings schon etwas zu denken gibt ist die Produktpalette einiger Firmen. Da gibt es nur rosa und blau - das wars. Letztlich liegt es wahrscheinlich weniger daran, dass es schwer wäre andere Farben in der Produktion zu verwenden, sondern vielmehr an der Nachfrage. Ich finde es zu kurz gegriffen nur immer auf die bösen Hersteller zu schimpfen. Tatsache ist, dass viele Eltern - ja, der überwältigende Großteil - trotz Elternzeit für Väter und Frauenquoten noch immer an diesen Gender-Klischees festhält. Mein Eindruckt ist gar, dass Mütter das wesentlich beharrlicher tun als Väter. Aber das ist natürlich nur mein subjektives Empfinden wenn ich mir so die Einkaufstouren anderer Eltern in den Kinderabteilungen der hiesigen Klamottenläden ansehen. Natürlich ist mir klar, dass unser Töchterchen wahrscheinlich spätestens mit zwei Jahren zu mir kommen wird und sämtliches rosa-lila gestreiftes Pony-Prinzessinnen-Einhorn-Glitzer-Zeugs haben wollen wird. Aber dann ist es eben ihre Entscheidung und ich bin mir sicher, dass es nicht meine Kleiderwahl war, die dafür verantwortlich ist. Klar, wählt sie weiterhin neutrale Farben, dann hätte ich dasselbe Problem. Allerdings halte ich die Wahrscheinlichkeit dafür für sehr gering - dafür werden ihre ersten Freundinnen und die neusten Trends unter den Kids schon sorgen Rosa Blogosphäre Was mich dennoch herumtreibt ist diese Doppelmoral von einigen Mütterblogs. Mag sein, dass mir da nur Mütterblogs aufallen, weil es schlichtweg viel mehr davon gibt als Väterblogs. Da wird dann aber groß über Gender-Themen und Gender-Gerechtigkeit palavert. Ein paar Tage später werden dann fröhlich Bilderchen des Sohnemanns oder der Tochter gepostet. Selbstverständlich samt Kinderzimmer-Panorama und siehe da: blau und rosa wohin das Auge sieht - auch schon bei Neugeborenen. Wer alte Rollenklischees aufbrechen will und immerzu mit dem Zeigefinger dies und das anprangert, der sollte zumindest die eigene Haltung zur Rollenfrage reflektieren können. Es ist aber immer leichter auf andere zu deuten als selbst unbequeme Fragen zu beantworten. Fakt ist: Wir alle haben gewisse Rollenschemata im Kopf und können uns nicht gänzlich davon befreien - zumindest nicht ohne zu hinterfragen. Einige bissige Artikel der Blogosphäre könnten da ruhig etwas selbstkritischer sein und weniger auf die Anderen verweisen. Mich nervt diese Einseitigkeit und Selbstgerechtigkeit einiger Blogs da enorm. Fazit In diesem Sinne ist auch dieser Artikel zu verstehen. Vielleicht ermutigt er ja jemanden sich das Geschlecht nicht sofort vom Frauenarzt sagen zu lassen oder zum nächsten blauen Bagger-Shirt zu greifen. Das wäre doch ein Schritt in die richtige Richtung, denn Babys sollten vor allem Babys sein dürfen. Ob sie ein jungenhafter Junge oder ein mädchenhaftes Mädchen werden - das entscheiden sie selbst.
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